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Historisches: Die Tabakindustrie in Ratibor vor und nach dem ersten Weltkrieg
Jan Hauck
Wie schon anhand der Historie des Betriebes Joseph Doms angedeutet, spielte die Tabakindustrie in der Gegend um Ratibor eine große Rolle. Nachgetragen soll vorweg werden, daß Ratibor 1217 von deutschen Siedlern angelegt wurde, und wirtschaftlich groß wurde durch den Umstand, daß die Oder von hier an für Schiffe zugänglich war. Ratibor entwickelte sich bis vor dem zweiten Weltkrieg zu einer modernen Industriestadt.
Nun aber zum Aspekt des Tabaks. Nach dem ersten Weltkrieg bestand der Industriezweig aus 99 Haupt- und 31 Nebenbetrieben mit 3731 Angestellten, wobei vor dem Krieg die Angestelltenzahl noch bei 5000 lag. Dabei waren 90% Frauen angestellt.
Die Weltwirtschaftskrise bewirkte, daß in der Stadt Ratibor selbst (ungeachtet des Umlandes) die Zahl der produzierenden Betriebe von neun auf drei im Jahre 1932 zurück ging. Das älteste Unternehmen in diesem Fall bleibt die Firma Joseph Doms. Bezüglich des Alters und der Bedeutung folgte bereits kurz danach die Firma Hermann Reiners & Söhne, die in der Wirtschaftskrise Konkurs anmelden mußte.
Im Jahre 1889 kaufte die Firma Joseph Doms das Konkurrenzunternehmen im Schnupftabak, die Firma Breitbarth & Co., auf, wobei die Gelder über die letzten Jahre aus einigen Industriezweigen stammte, in den sich Doms engagiert hatte. Dazu gehörten Ölmühlen, Rumproduktion, Kohlegruben und die erste Damp-Mehlmühle in Oberschlesien, sowie zwei Rittergüter. Nachdem Doms schon längst Rauch- und Schnupftabak herstellte, kamen 1889 auch der Kautabak und 1910 die Zigaretten dazu. Wirtschaftliche Einbrüche bedeutete die Grenzziehung 1921 im Zuge des Versailler Vertrages, weshalb der oberschlesische Markt nur eingeschränkt zugänglich wurde, und die Belegschaft bei Doms von 7000 Arbeitern auf knapp 400 abnahm. Dennoch hatte das Landesfinanzamt Oberschlesien Steuereinnahmen im Bereich Tabak zu verzeichnen, die vor Magdeburg, Hannover, Kassel, Köln und Darmstadt lagen. Der Zigarrenbereich wurde von der erwähnten Firma Hermann Reiners abgedeckt. Der ursprünglich 1849 in Bremen gegründete Betrieb wurde 1854 aus Zollgründen nach Ratibor verlegt.
Die Zigarrenfertigung war bis dahin in Ratibor unbekannt gewesen, was die Produktion hemmte, weil die Arbeiter mühsam angelernt werden mussten. Im Jahre 1913 wurden in der Firma, die inzwischen AG geworden war, pro Jahr über 100 Millionen Zigarren von 1860 Beschäftigten hergestellt. nach dem Krieg bis 1926 arbeiteten nach und nach nur noch knapp 250 Angestellte bei Reiners. Gründe dafür lagen natürlich bei der Wirtschaftskrise, aber auch in den gesellschaftlichen Umschichtungen, Fabrikbesitzer (also das Bürgertum im weitesten Sinne) gehörten zur entmachteten Schicht in der neuen Weimarer Republik, die Interessenverbände der Arbeiter bzw. die Gewerkschaften ersetzten diese Macht, so daß auch dies vorläufig zum Niedergang führte. Zwar konnte sich die Industrie noch einmal erholen durch Lohnsteigerung und Kaufkraft, aber es half nichts mehr. Die gesamtwirtschaftliche Entwicklung bewirkte eine drastische Rückbildung der Tabakindustrie in Schlesien und Ratibor. Im Falle Reiners muß aber auch betrachtet werden, daß es Fehleintscheidungen des Managements gab. Und nicht zuletzt wurde die Tabakqualität stark gemindert, aufgrund der Importbestimmungen der Nationalsozialisten bezüglich hochwertigen ausländischen Tabaks. Am 15. Juni 1934 schloss also die Firma Reiners endgültig ihre Tore. Das begründete sich offenbar auch in der Absicht der Machthaber, den Betrieb eingehen zu lassen, um ihn dann durch die Arbeiterschaft respektive "Parteigenossen" weiterführen zu lassen. Die neue Firma lief weiter unter dem alten Namen. Das Ende des zweiten Weltkrieges markierte nun einen weiteren Umbruch in Ratibor, auf den hier jedoch nicht eingegangen werden soll.
Quelle: Die Industrie Ratibors. Entwicklung und Bedeutung, in "Veröffentlichungen der Forschungsstelle Ostmitteleuropa an der Universität Dortmund", Hg. Johannes Hoffmann, Reihe A, Band 50, 1990/1995
(12.02.2004)