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Historisches: Von Entdeckern und Indianern
Oder: wie der Tabak nach Europa kam
Sven Koenigsmann
Die Menschen lassen sich nach verschiedenen Kriterien in Gruppen unterteilen. So gibt es beispielsweise die Nichtraucher und die Gruppe der Raucher. Lassen wir doch einmal die gesundheitsbewussten Abstinenzler bei Seite, es bleiben also noch wir Raucher übrig. Auch diese Gruppe können wir nun weiter unterteilen in Zigarettenraucher, Zigarrenraucher und Pfeifenraucher. Die Zigarettenraucher bilden wohl die Gruppe, die am meisten zu leiden hat, müssen sie doch nicht nur mit Ablehnung oder zumindest den mitleidigen Blicken der Nichtraucher leben, nein, auch die Fraktion der Zigarren- oder Pfeifenraucher beäugt sie mit Argwohn und Missgunst, sind sie doch von Sucht getriebene Tabakverschwender.
Lassen wir also die armen, von Bluthochdruck und Atemnot ohnehin schon gebeutelten Zigarettenkonsumenten am Rande stehen und befassen uns mit der Gruppe derer, die sich als Genussmenschen und Schöngeister verstehen, mit den Zigarren- und Pfeifenrauchern, die eine eingeschworene Gemeinschaft zu bilden scheinen. Sind sie das wirklich ?
Mitnichten, nur allzu häufig entflammt das Gespräch zwischen den Anhängern dieser Gemeinschaft und mutiert, sei es anlässlich eines anregenden Abends in der gemütlichen Wirtschaft, zu einem ausgewachsenem Streit darüber, welche Variante des Tabakkonsums denn nun die ursprüngliche, die einzig wahrhafte ist. Als Tatsache dürfen wir betrachten, dass uns Europäern der Tabak bis ins Jahr 1492 nicht bekannt war.
In diesem denkwürdigen Jahre 1492 entdeckte Christoph Columbus mit seinen wackeren Mannen den neuen Kontinent Amerika, den er allerdings aufgrund einiger nautischer Unzulänglichkeiten für Indien hielt. Aber verzeihen wir ihm doch diesen geschichtsträchtigen Irrtum, hat er doch immerhin für uns neben dem neuen Kontinent endlich den Tabak aufgespürt. Denn in entsprechenden zeitgenössischen Berichten ist von Eingeborenen zu lesen, die wahrhaft pompöse, trichterförmige Krautwickel in Brand setzten, um den entstehenden Rauch zu "trinken".
Diese Urform der heutigen Zigarre dürfen wir also als den ersten Kontakt des bis dahin zumindest auf diesem Gebiet abstinenten Europäers mit dem Tabak bezeichnen. Allerdings, dies sei zur Beruhigung der Pfeifenraucher gesagt, wurden in anderen Gebieten des neuen Kontinents Eingeborene gesichtet, die den Rauch aus dem Calumet, aus eine Pfeife also, konsumierten.
Ebenso wird von verwegenen Bewohnern erzählt, die sich den Tabak gegenseitig in die Nase bliesen oder die Blätter kauten. Somit kannten also die von Herrn Columbus fälschlich "Indianer" genannten Urbewohner Amerikas sämtliche auch heute noch bekannten Konsumarten des Tabaks und die nachlässige Geschichtsschreibung der Ureinwohner dürfte das ihre dazu beitragen, dass die wirklich erste, ursprüngliche Art des Tabakkonsums für immer verborgen bleibt.
Nun, der Rest ist Geschichte: Die neugierigen Seeleute versuchten natürlich das unbekannte Kraut, fanden Gefallen daran und brachten es also mit in die alte Welt, wo man nach kurzer zeit die ersten rauchenden Seeleute antreffen konnte.
Das Laster des Rauchens hatte also seinen Einzug in die alte Welt gehalten, was natürlich den kirchlichen Herrschern nicht immer gefiel. So soll hier nicht verschwiegen werden, dass dem einen oder anderen Raucher-Pionier seinerzeit der Besuch eines finsteren Kerkers nicht erspart blieb, einige ließen gar ihr Leben für die Verbreitung des blauen Dunstes.
In Europa blieben die Zigarren übrigens lange Zeit den Entdeckerländern vorbehalten und fanden kaum eine überregionale Bedeutung. Ein französischer Diplomat in Portugal, Jean Nicot, war es dann, der den Tabak in seinem Ziergarten als
Heilpflanze (!) entdeckte und ein Tabakpulver zu medizinischen Zwecken an den französischen Königshof zu der Königsmutter Katharina von Medici schickte. Nun war der Siegeszug des Schnupftabaks nicht mehr aufzuhalten, bald schniefte, schnupfte und nieste der gesamte europäische Hochadel, der es als wahren Segen empfand, sich durch das sündhaft teure Pulver und noch viel kostbarere Tabatieren, Tabaksdosen also, von dem Proletariat abheben zu können. Eben dieser Jean Nicot war es dann auch, der dem Tabak seinen Namen gab.
Die weitere Geschichte des Rauchkrautes sollte jedoch in der Hand der Seeleute bleiben, so war es Sir Walter Raleigh, ein englischer Dichter und Seefahrer, der das Tabakrauchen aus Pfeifen zunächst in England populär machte - selbstverständlich zunächst am Königshof. Man rauchte seinerzeit übrigens üblicherweise Tonpfeifen, wie man es bei den "Indianern" gelernt hatte. Während seiner Zeit der Einbürgerung in Europa hatte das edle Kraut noch so manches Verbot, teilweise unter Androhung von drakonischen Strafen, zu überstehen. Diese Verbote hatten teilweise sehr weltlichen Ursprung, wie beispielsweise die Feuergefahr in den eng bebauten Städten und wurden mit Strafen wie dem Lippenaufschneiden oder dem Durchbohren der Nase geahndet. So waren die Sitten seinerzeit.
Andererseits wird auch von Zeiten berichtet, in denen Eltern aufgefordert wurden, ihren Kindern möglichst in sehr jungen Jahren das Rauchen zu lehren, da man von einer gesundheitsfördernden Wirkung ausging....
Schlussendlich schaffte auch die Zigarre den Einzug in ganz Europa und verdrängte die Pfeife in die unteren Bevölkerungsschichten, wer etwas auf sich hielt und es sich leisten konnte, rauchte fortan Zigarre.
Heute werden die alten Traditionen des Zigarrenrauchens und auch des Pfeifenrauchens wieder neu entdeckt, sowohl von älteren, aber zunehmend auch von jüngeren Menschen. Fast scheint es, als ob die Hektik und Schnelllebigkeit der Zeit einen Ruhepol erforderlich macht, einen Moment der Stille als Ausglich fordert. Und, sind wir doch einmal ehrlich, ist es nicht ein andächtiger Moment, wenn ein Pfeifenraucher in aller Ruhe, mit viel Sorgfalt und Geduld seine Pfeife mit bestem Tabak stopft ?
Und erinnert das Befühlen einer Zigarre und das sorgsame Anschneiden einer edlen Zigarre durch Kennerhand nicht ein wenig an kultische Handlungen längst vergangener Zeit ?
Selbstverständlich ist Nicotin ein Nervengift, ein starkes sogar. Andere Bestandteile des Tabakrauches sind dem menschlichen Körper ebenso wenig zuträglich, das ist jedem bekannt und wer es nicht wüsste kann es hier lesen. Aber betrachten wir doch das entspannte Rauchen einer guten Zigarre oder eines feinen, meisterlich gemischten Tabaks als so etwa ähnliches wie das Öl in einer Maschine - es ist nicht erforderlich, aber es vereinfacht den Lauf der Dinge doch ungemein, wobei Übermaß auch in diesem Fall selbstverständlich mehr schadet denn nutzt.
Aber, liebe Raucher-Kollegen, vergessen wir bei all dem nicht, dass ein jeder das Recht hat zu rauchen und das die andere Hälfte der Menschheit ein ebensolches Recht hat auf eine rauchfreie Umgebung.
Was schadet es denn, in einem Restaurant oder beim gemütlichen Kneipenbesuch den Tischnachbarn zu fragen ob die Pfeife oder die Zigarre stört ?
Das Rauchen war in früheren Zeiten ein Symbol für Frieden und hat so manch wildes Indianerherz auf Kriegsfuß milde und besinnlich bestimmt.
Lassen wir es also nun nicht zu einem Kleinkrieg zwischen Rauchern und Nichtrauchern kommen, sondern üben wir uns in Toleranz - auf beiden Seiten.