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Artikel: Meine Pfeife läßt sich gut rauchen
- Versuch einer Bewertung
Georg Pohl
Wie weiter oben deutlich wurde, ist es nur schwer möglich, subjektive und objektive Maßstäbe generalisierend an eine Pfeife und ihre Raucheigenschaften anzulegen. Fassen wir die Gelegenheit beim Schopf und versuchen, einen Kriterien-Katalog für die Qualität einer Pfeife zu erstellen. - Unmöglich? Fangen wir einfach an.
These: "Die Pfeife muss mir gefallen."
Der eine mag Bents, der andere steht auf Billards, der dritte kauft nur sandgestrahltes; während der Kollege nebenan die knuffigen, runden Modelle mag, bevorzugt der andere die schlank-elegante Version...
Wie misst man das "Gefallen" und zieht daraus Rückschlüsse für Qualität?
Man kann es nicht messen! Man braucht es aber auch nicht. Eine Pfeife wird nicht dadurch besser oder schlechter, dass sie sandgestrahlt oder glatt, gebogen oder gerade ist. Es wäre, als wolle man Äpfel mit Pinguinen vergleichen. Man darf nur Vergleichbares vergleichen. Und - auch wenn es weh tut - dass mir eine Pfeife gefällt, hat (zunächst) nichts mit Qualität zu tun. Im zarten Alter von 18 Jahren gefiel mir eine junge Dame ... heute weiß ich: schlimmer hätte ich nicht reinfallen können.
Wir sehen: unser individuelles Schönheitsempfinden darf auf keinen Fall ein Maßstab für die Beurteilung der Qualität sein. Nur, wonach kann man sich richten?
These: "Es gibt objektive Qualitätsmerkmale einer Pfeife"
Wir haben festgestellt: es gibt Pfeifen, die einem gefallen, die jedoch de facto Schrott sind. Woran machen wir ein solches Werturteil fest? Ich denke mal, an der Brauchbarkeit (das erste B kann man auch weglassen): wie lässt sich die Pfeife handhaben, wie ist die Verarbeitung...
- Wie sind die Bohrungen ausgeführt? Passt überall ein Reiniger durch? An welcher Stelle tritt sie in den Brennraum ein? Wertmaßstäbe, die gemessen werden können.
- Wie ist das Mundstück angepasst. Gibt es einen Spalt zwischen Holm und Mundstück? Ist es leichtgängig, aber trotzdem passgenau gearbeitet? Ist der Bis schlank oder eher wuchtig geraten? Auch hier sind die Ergebnisse reproduzierbar. Keine Rolle spielt IMHO die Frage, des Materials (Ebonit, Acryl...); dies gehört in den Bereich der individuellen Vorlieben und kann nicht verallgemeinert werden.
- Das Holz (man merkt: ich klammere hier Nichtholz-Pfeifen aus): hier wird die Sache komplizierter. Wahrscheinlich gibt es Fachleute, die in der Lage sind, die Qualität des Holzes zu beurteilen. Auf Grund meiner überreichen (negativen) Erfahrungen zähle ich mich nicht dazu. Da wir ja weiter oben individuelle Vorlieben ausschlossen haben (es muss ein Kriterium für rustizierte, sandgestrahlte und glatte Pfeifen geben), fällt die Oberfläche als absolutes Qualitätsmerkmal aus. Kitt und Spots sind auch nicht unbedingt tauglich, daraus eine Qualitätsaussage herzuleiten. Die Oldenkott, die ich gerade rauche, ist mit beiden in reichem Maße ausgestattet, raucht so trotzdem gut. Zudem sind sie bei behandelten Oberflächen nicht unbedingt sichtbar. Was bleibt übrig für den Holzunsachverständigen? Nehmen wir das Gewicht? Eine Pfeife aus schwerem Holz ist schlechter zwischen den Zähnen zu halten als eine leichte. Ob es sich tatsächlich um bessere Holzqualität handelt? Fachleute vor ...
- Die Balance: eine gute Pfeife sollte gut ausbalanciert sein: man kann dies zwar auch erreichen, indem man die Pfeife weit genug in den Mund nimmt, aber ... Wo liegt der Schwerpunkt der Pfeife? Je näher er am Mundstück liegt, desto besser. Man mache sich die Mühe und balanciere eine ungestopfte Pfeife auf einem Finger und versuche den Punkt zu finden, an dem die Pfeife in der Waage ist. Liegt er - bei einem geraden Modell - direkt unter dem Kopf, ist sie schlecht ausbalanciert. Je weiter dieser Punkt zurück liegt, desto besser lässt sich die Pfeife im Mund halten.
An diesen fünf (vielleicht gibt es mehr?) Punkten lässt sich ein objektivierbarer Qualitätsmaßstab festmachen. Rauchgeräte, die durch dieses Raster durchfallen, haben nicht unbedingt die besten Voraussetzungen für "The Best of". Aber jetzt kommt's teuflisch: wie messe ich, ob eine Pfeife sich gut raucht? Einigen wir uns darauf, eine Pfeife zu beurteilen, die den oben genannten Kriterien vollumfänglich gerecht wird. Der eine Raucher ist mit den Eigenschaften zufrieden (er kommt mit der Pfeife zurecht), der andere findet sie nur grottig. Hier spielt die individuelle Rauch- und Stopferfahrung eine Rolle. Bei dem einen wird sie heiß, bei dem anderen bleibt sie kühl ... Wie kann man verallgemeinern? Darf man die Rauchbarkeit der Pfeife vom Raucher abhängig machen?
Wir haben auch keine großartige Messtechnik verfügbar, die Strömungswiderstände misst. Der Mensch mit seinen individuellen Erfahrungen ist nicht einmal in der Lage, das gleiche Objekt, immer wieder gleich zu beurteilen. Er ist nicht einmal in der Lage, dieselbe Pfeife mit dem gleichen Tabak zweimal in exakt gleicher Weise zu stopfen. Wie will man da reproduzierbare Maßstäbe finden? Wie will man die Aussage beurteilen "Pfeife A raucht sich besser als Pfeife B"? Vielleicht trifft es für mich in diesem Moment zu, aber nicht morgen und nicht für den Kollegen, der die gleichen Pfeifen besitzt. Kann man wirklich behaupten, eine Pfeife für 50 Euro rauche sich genauso (gut) wie eine Pfeife für 500 Euro?
Verschiedene Punkte sind in früheren Beiträgen genannt worden. Vielleicht einige Beispiele:
- "Wird sehr schnell heiß..." - Nach meiner Erfahrung hängt dies weniger von Pfeife ab, sondern von demjenigen, der hinter derselben sitzt.
- "Die Pfeife sottert!" - Dies liegt mehr an der Rauchtechnik und dem verwendeten Tabak als an der Pfeife.
- "Bleibt angenehm kühl..." - siehe oben
- "Liegt gut in der Hand..." - hier kommen wir der Sache schon näher; allerdings wird hier weniger die Rauchbarkeit als die Verarbeitung und (handwerkliche) Ausführung bewertet und bringt uns damit nicht wesentlich weiter.
Kann es sein, dass die "Rauchqualität" einer Pfeife sich nicht nur aus der Qualität des Rauchens zusammensetzt, sondern auch noch anderes eine Rolle spielt?
- der Prestigewert der Pfeife ("Da hab' ich wirklich ne gut gute Pfeife!")
- die Kombination von Form, Farbe, Anfühlen und Rauchen
- die emotionale Beziehung die man zu dem (ich formuliere provozierend) Fetisch hat
- die Qualität des verwendeten Tabaks
- die eigene psychische momentane Disposition
These: ES GIBT KEINE BESONDERE RAUCHQUALITÄT EINER PFEIFE.
Vorausgesetzt die Verarbeitung ist entsprechend gut (siehe oben) hängt das Ergebnis der Beurteilung einer Pfeife von der Rauchtechnik, dem verwendeten Tabak und der Erfahrung des Rauchers ab. Provokant? Nein! Habe ich eine preiswerte oder gar billige Pfeife (low grade), die technisch perfekt gefertigt ist und aus gutem Material besteht, hat sie vergleichbare Qualität wie teure Spitzenpfeife (high grade). Daraus ergibt sich, dass nicht der Preis ausschlaggebend ist oder - wie Martin Bleisteiner es formulierte - "dass bei höherwertigen Pfeifen die Wahrscheinlichkeit viel höher ist, eine richtig gute zu erwischen."
Was hat sich bei den Lorenzos geändert? Die "alten" Modelle waren von einer (recht) guten Qualität, während von den neuen häufig berichtet wird, dass sie kaum rauchbar seien. Ist das Holz schlechter geworden, das Mundstück, der Biss? wurde schlechter gebohrt, unsorgfältiger gearbeitet?
"Rauchqualität" ist ein abstrakter, nicht fassbarer Begriff. Nur eine gut gearbeitete Pfeife aus optimalem Holz kann sich auch gut rauchen lassen. Der Preis spielt eine wichtige, aber nicht ausschlaggebende Rolle dabei. Er setzt sich zusammen aus z.B. der Bekanntheit des Carvers (man bezahlt auch für den Namen), der Prestigeträchtigkeit der Marke, dem Finish und der Qualität der Maserung des Holzes, aber auch aus der Qualität des Kantel und dem Aufwand bei der Fertigung.
Das, was wir üblicherweise als die "Rauchqualität der Pfeife" bezeichnen ist ja eigentlich nichts anderes als die Beurteilung des Ergebnisses der technischen Fertigung des Rauchgerätes. Nur davon - und natürlich vom Raucher selbst - hängt es, ob die Pfeife gut oder schlecht ist.
Resümee
Ich kann nur dann behaupten, eine Pfeife lasse sich gut rauchen, wenn ich all die subjektiven Eindrücke abstrahiere und mich bei meinem Werturteil auf reproduzierbare Beschreibungen der Eigenschaften beschränke. Es spielt hier keine Rolle, dass ich vielleicht rauchtechnisch des Pfiff raushabe, wie man auch eine dünnwandig Pfeife kühl raucht.
Eine Pfeife darf ich nur dann als gut bezeichnen, wenn ich in der Lage bin, ihre Eigenschaften qualitativ zu beschreiben.
Nur eine gut gemachte Pfeife lässt sich auch gut rauchen. Oder: lässt sich eine Pfeife guten rauchen, muss sie gut gemacht sein.
Ich hoffe, ich habe nicht gelangweilt!
(06.02.2004)