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Pfeifentabak: Zungenbrand
Björn Hollensteiner:
Die folgenden Ausführungen wurden mit Zustimmung der Autoren einer Diskussion in der amerikanischen Newsgroup alt.smokers.pipes im Dezember 2001 entnommen und übersetzt. Bei den Autoren handelt es sich um Personen, deren Sachkenntnis allgemein anerkannt und geschätzt wird. Greg Pease ist Hersteller der in den USA bekannten Pease - Tabake.
Zitat James Beard, 04.12.01
"Zungenbiss entsteht durch die Reaktion von alkalischem Rauch auf den Schleimhäuten des Mundes. Es ist quasi, als würde man seinen Mund mit Flüssigseife füllen und das Zeug im Mund behalten.
Die einzig wirkliche Beziehung zwischen dem Zungenbiss und heißem Rauch besteht in einer ausgiebigeren Verschwelung und einer dadurch verstärkten Alkalisierung des Rauches. Egal wie, die Rauchtemperatur bewegt sich praktisch immer zwischen 30 Grad Celsius (ein sehr erfahrener, kühler Raucher) und 43 Grad Celsius (ein unerfahrener Heißraucher). Echten Schaden nimmt die Zunge aber erst ab einer Temperatur von etwa 50 Grad Celsius, und auch nur dann, wenn diese Temperatur dauerhaft für 20 - 40 Minuten aufrecht erhalten wird. Für die, die sich mit diesen Temperaturspannen nicht so auskennen, sei gesagt, dass die Körpertemperatur sich ungefähr um 37 Grad Celsius einpendelt, und wenn der Rauch, der den Mund füllt, wärmer als 37 Grad ist, dann raucht man gewissermaßen "heiß". So wie ich es meistens tue. Aber nur ein kleines bisschen.
Verschiedene Tabake enthalten unterschiedliche Anteile an Zucker und anderen wasserstoffreichen Bestandteilen. Umso mehr Wasserstoff enthalten ist, um so saurer (oder weniger alkalisch) wird der Rauch, und umso weniger beißt er auf der Zunge. Aber hohe Temperatur kann diesen Effekt schnell zunichte machen, denn der Wasserstoff verbindet sich unter diesen Bedingungen schneller mit dem Luftsauerstoff zu neutralem Wasser und alle anderen alkalischen Bestandteile attackieren nun mit ungebremster Stärke. Grob gesagt enthalten die meisten Virginias und Periques zusammen mit den Darkfired-Tabaken den höchsten Zuckergehalt, während air-cured Burleys den Geringsten enthalten. Orientals und Latakia befinden sich in etwa in der Mitte. Andererseits ist Burley leichter kühl zu rauchen, daher macht es keinen Sinn, mit einem wasserstoffreichen Tabak anzufangen, solange man die Verschwelungstemperatur nicht niedrig halten kann. Drugstore-Tabake enthalten Propylenglycol (wie die meinten in den USA hergestellten Tabake), welches Wasserstoffreich ist, aber das Zeug brennt zu gut und heiß, so dass sich der Effekt meistens umgekehrt, auf die alkalische Seite. Andererseits muss man den süßen Geschmack des Zeugs ertragen, wenn man es nicht verbrennt.
Ich kann nicht entscheiden, was schlimmer ist, daher kann ich nur empfehlen, Tabake zu rauchen, die wenig oder gar nichts davon enthalten (Lake District Tabake von Samuel Gawith, Gawith & Hoggarth, Esoterica von Germain, GL Pease Produkte und die nichtaromatisierten Tabake von Craig Tarler von Cornell & Diehl und ein paar weitere UK-Tabake).
Rauche langsam. Rauche kühl. Rauche Qualitätstabake. Rauche zucker- und wasserstoffreiche Tabake mit gerade genug Burley, um die Verglimmungstemperatur niedrig zu halten. Über kurz oder lang wirst Du feststellen, dass Zungenbiss ein Ding der Vergangenheit ist."
Antwort Greg L. Pease, 06.12.01
(Alkalischer Rauch)
"Das ist VIELLEICHT richtig. Ich habe dies als Vermutung vor einigen Jahren geäußert und es sieht so aus, als wäre dies mittlerweile hier als Fakt angenommen worden. Ich glaube es zwar, aber ich habe es noch nicht weiter erforscht, oder von irgendeiner Autorität näheres gelesen. (...)
Es stimmt zwar vermutlich, dass Zungenbiss eine Reaktion auf alkalischen Rauch ist (hoher pH), aber der Zuckeranteil des Tabaks ist nicht direkt das Problem. (...)
Im Zuckermolekül sind die Wasserstoffatome kovalent gebunden, können also durch schlichtes Rauchen nicht befreit werden, um dann im Rauch den pH zu senken. Sobald ein Wasserstoffatom frei geworden ist, findet sich sofort eine Stelle, an der es wieder gebunden wird. (gekürzt)
Wir müssen also woanders nach unseren H+ Ionen suchen. Tabak enthält eine Menge Chemikalien, sowohl organische, wie auch anorganische. Er enthält Zucker, Alkaloide (z.B. Nikotin), einige schwache organische Säuren, einige Basen, manche Stickstoffverbindungen, Cellulose, phosphorhaltige Bestandteile und eine ganze Menge anderer Komponenten unterschiedlichen Interesses. Man kann sich vorstellen, dass eine ungezählte Menge an chemischen Reaktionen in einem glimmenden Pfeifenkopf stattfinden können, wie zum Beispiel Verschwelung, Hydrolyse einiger Komponenten und die Lösung von löslichen Chemikalien im warmen Feuchtigkeitsstrom, der durch die Verschwelung entsteht. Ein wenig Feuchtigkeit ist auch essentiell, um ein paar der weniger flüchtigen Geschmacksstoffe zu den Geschmacksknospen des Rauchers zu bringen.
(nun wird GL Pease sehr wissenschaftlich, ich fasse zusammen) Die H+ Ionen stammen aus den schwachen organischen Säuren, gleichzeitig entstehen aus anderen Komponenten OH- Ionen (Basen). Aufgrund von unterschiedlichen Mengen Energie, die nötig sind und H+ und OH- Ionen von ihren Ursprungsstoffen abzulösen, hängt es in der Tat von der Verbrennungstemperatur ab, ob der Rauch alkalisch oder sauer ist.
OH- Ionen entstehen vermutlich erst bei höheren Temperaturen. Also führt heißeres Rauchen zu mehr Wasser, zu verstärkten Reaktionen und zuletzt, nach einer Menge Schritten, zu einer größeren Menge OH- Ionen. Also einem Anstieg des pH und damit einer Verstärkung der Tendenz eines Tabaks, auf der Zunge zu brennen. Jeder Raucher hat allerdings eine unterschiedliche Toleranzschwelle für Zungenbiss. So kann ein Tabak für den einen Raucher in Ordnung sein, während er bei einem anderen auf der Zunge beißt wie ein Kaninchen-Wiesel, egal wie vorsichtig er geraucht wird.
Nun noch einige Vermutungen von mir: (gekürzt) Es könnte sein, dass Zuckermoleküle durch ihren hohen Energiegehalt indirekt durch eine Erhöhung der Verbrennungstemperatur für basischeren Rauch sorgen. Weiterhin dürfte auch bei zuckerreichen Tabaken ein gewisser Anteil davon in Lösung begeben und so den "süßen" Geschmack auf der Zunge des Rauchers erzeugen. Allerdings vermute ich, dass auch ein Teil dieses Zuckers sich auf dem Weg durch den im Kopf befindlichen Tabak wieder darauf absetzt. Das könnte die Ursache dafür sein, dass ein Tabak sich über die Füllung hinweg geschmacklich ändert, bzw. entwickelt. (...)
Rauche kühl und langsam, das ist richtig. Und rauche Qualitätstabake. Aber finde, was zu DIR passt, zu Deiner Körperchemie, Deinem Rauchstil. Jedermanns Reaktionen sind anders (ja ich weiß, das ist ein richtiger Schlaumeiersatz)."