zurück
Reiseberichte:
Gerd Jansens tabakhistorisches Antiquariat in Hamburg
erschienen in:
Pipe&Cigar 3/00, Seiten 70-72
Mit freundlicher Genehmigung des Ebner Verlags
Frank Hidien:
Der Tabak-Verrückte
Er gehört zu einem Menschenschlag, der vom Aussterben bedroht ist. Internet, PC und modernes Verkaufstraining sind Fremdwörter für ihn. Der Beruf ist ihm Passion, er ist Amateur im wortwörtlichen Sinne: der Tabakantiquar Gerd Jansen.
Bei Nennung der Straße mußte der Hamburger Taxifahrer am Bahnhof erst einmal seine Straßenkarte zücken. "Methfesselstraße in Eimsbüttel, nie gehört", blätterte er in seiner Karte. "Ein Tabak-Antiquariat? Da bin ich der falsche Ansprechpartner, ich bin Nichtraucher!" antwortete er kurz angebunden auf die nähere Erklärung der Adresse durch seinen Fahrgast. Doch bald sollte sein Interesse geweckt werden und zwar durch die originelle, aber schlichte Außenfront von Gerd Jansens tabakhistorischem Antiquariat. "Sieht ja lustig aus, hier soll ein Museum drin sein? Da muss ich unbedingt am Wochenende mit meinen Enkeln hin", änderte der nichtrauchende Taxifahrer angesichts der Außenfassade schnell seine Meinung.
Ganz im Hamburger maritimen Stil schauen den Besucher drei Bullaugen an. Zwei Augen präsentieren eine schlichte Schaufensterauslage, das dritte gehört zur Tür mit dem kleinen lustigen Schild "Raucher". Nach zwei Stufen hinab ins Souterrain grüßt einen allerdings der zweite Nichtraucher des Tages in Person von Besitzer Gerd Jansen.

Sein Leben hat er zwar ganz dem Tabak und seinen Spielarten gewidmet, jedoch nach einer schweren Tuberkulose-Erkrankung vor fast 30 Jahren musste er jedwedem Tabakgenuss abschwören. "Ich wollte immer einen Tabakladen machen, wie es ihn nicht gibt", erläutert Jansen seine Philosophie und dies ist ihm treffend gelungen. 19 Räume umfasst sein Antiquariat, manche sagen auch Museum dazu, wenngleich diese Bezeichnung beim Besucher eine unangemessene Ehrfurcht und Schwellenangst erzeugt. Beides ist unangebracht beim Umgang mit Gerd Jansen und seiner umfangreichen Sammlung. Der Besucher zahlt keinen Eintritt, dafür kann er viele "Ausstellungsstücke" kaufen. Und "Museumsdirektor" Jansen empfängt Besucher und Kunden hemdsärmelig-locker, kein Wunsch soll bei ihm unerfüllt bleiben. Stundenlang kann er über ästhetische und funktionale Unter-schiede bei Zigaretten-Etuis aus Leder, Bakelit oder Silber philosophieren -selbstverständlich anhand unzähliger Beispiele aus den Tiefen seiner Schubladen. Ungewöhnliche Anfragen liebt er besonders, sie stacheln seinen Sammler- und Jägerinstinkt an, wovon Fernsehsender beim Drehen historischer Schinken immer wieder einmal profitieren.

Alles begann im Jahre 1971, als der tabakverrückte Jansen die Geschäftsräume eines alten Tabakfachgeschäfts übernahm. Sukzessive füllte er sie mit seinen geliebten Schätzen, die er bei Geschäftsauflösungen und auf Flohmärkten fand. Mannshohe Werbeschilder aus Email, riesige Tabaktöpfe aus Steingut, Aschenbecher in allen denkbaren Materialien und Größen, mit Werbeaufdruck und ohne, alte Tabakzeitschriften, Druckvorlagen für Zigarrenbanderolen, Pfeifenmundstücke und vieles mehr füllen jede Ecke und Kante der Räume.
Ein Paradies für interessierte Laien wie Tabakforscher, die nicht zuletzt in der umfangreichen Bibliothek ihren Wissensdurst stillen können. Hat man erst einmal die Sympathie von Jansen geweckt, und das geht bei entsprechenden Fragen ganz schnell, öffnet er eine kleine unscheinbare Falltür, die den Weg zu den Schätzen im Keller öffnet. Zuvor bringt Jansen am Eingang ein kleines Schild an. "Bin in fünf Minuten zurück", die Stammkunden aus dem Viertel sind es gewohnt und der Besucher steigt mit seinem Gastgeber in die Katakomben des Jansenschen Tabakreiches. 1,40 m hoch sind die Räume nur, am besten nähert man sich demutsvoll auf Knien den ausgestellten Stücken. Früher dienten die Kellerräume der Lagerung von Kohle, heute sind sie mit Teppich ausgelegt und bieten nicht nur Heimstatt für Jansens Sammlung, sondern ein Raum dient dem Tabakverrückten auch als Schlafzimmer. "Ich habe in meinem Lieblingsbundesland Mecklenburg ein Häuschen gekauft, wo ich das Wochenende zubringe", erklärt Jansen. Dort soll, wenn es einmal renoviert ist - "ich werde gerade zum Fachmann in Sachen Lehm" - ein Teil seines Antiquariats untergebracht werden

Das Haus auf dem Land ist nur eines von vielen Projekten, das der Hamburger verfolgt. Seit 1981 besitzt er nämlich in der Methfesselstraße das angrenzende Geschäft mit eigenem Eingang. Dieser ist zwar zur Zeit noch stillgelegt, dafür sind aber die Wände durchbrochen worden und lassen das Auge des Besuchers einen herrlichen Kaufmanns-Schrank aus dem letzten Jahrhundert und eine ebenso alte Apotheken-Anrichte erblicken -heimeliger Charme längst vergangener Zeiten. In dieser "Priemhökers Probeer-stuuv" will Jansen für seine "alten Herren", wie er liebevoll einige seiner Stammkunden nennt, bald eine Raucherecke etablieren.

Mit seinem Antiquariat und einem kleinen angeschlossenen Tabakfachgeschäft ist Gerd Jansen vom modernen Stil zu leben, zu verkaufen und zu präsentieren so weit entfernt wie der Mensch der vorindustriellen Zeit vom "modernen" Mensch mit Handy und Internet. Dies ist sehr wohl im Sinne von Gerd Jansen. "Wenn andere Händler pro Tag eine Kiste Cohiba verkaufen, könnte ich davon mein Geschäft eine Woche schließen und mich dem Antiquariat widmen", übertreibt Jansen ein wenig, trifft aber den Kern der Sache.
Er betreibt weder Geschäft noch Antiquariat, um "Kohle zu machen". Die "moderne Art zu verkaufen" ist ihm zuwider. Verkaufen, verkaufen, verkaufen stehe im Mittelpunkt, nicht aber der Mensch und die Passion. Einen "menschlichen Laden" will er machen und zufrieden ist er mit Kunden, die ihre alte Pfeife zum zigsten Mal reparieren lassen. Nie würde er ihnen eine neue Pfeife "aufdrängen". Er weiß, dass seine Kunden mit dem Pfennig rechnen müssen. "Ich möchte ostentativ gegen die entwürdigende Art und Weise, wie heute verkauft wird, meinen Laden entgegensetzen." Und so lebt einer der letzten Jäger und Sammler dieser "modernen Zivilisation" mit Herzblut und Idealismus in seiner kleinen Welt, die er gerne mit einem Drittel Laden, einem Drittel Wohnung und einem Drittel Museum umschreibt. Hier sind nicht nur kaufwillige Interessenten willkommen. Was Jansen an seinen Besuchern fast noch mehr zu schätzen weiß, ist, bei ihnen eine ähnliche Begeisterung für das Thema Tabak vorzufinden.