daft.de

.

Aktuelles

Termine

Pfeifen

Tabak

Schnupftabak

FAQ

Artikel

Bücher

Download

Läden

Linklisten

Zigarren

Hilfe

Mailingliste

Kontakt

Impressum


Reiseberichte Tsuge Tokyo

zurück

Reiseberichte: Tsuge Pipe Company - Tokyo

Marcus Jacob

Es gibt Tage, an denen hat man einfach Glück ...

Glücksfall 1:
Ich habe die Gebäude der Tsuge Pfeifenfabrik in einer für japanische Verhältnisse rekordverdächtig kurzen Zeit gefunden. 4-3-6 Kotobuki, Taito-ku, Tokyo klingt ja erstmal ziemlich exakt, ist aber eben in der Realität nur eine grobe Angabe. Mit der Karte, die mir die freundliche Empfangsdame im Hotel kopiert hat, und einem ungefähr fünf Fußballfelder großen Kringel als Ziel darauf, bin ich also erstmal zur Metrostation Asakusa gefahren (Ginza oder Asakusa Linie). Da Asakusa mit seinem Tempelviertel und den vielen kleinen Läden eines der touristischen Hauptziele ist, findet man relativ leicht dorthin. Nach einigem mehr oder minder zielgerichtetem Umherlaufen habe ich dann doch mal die Hilfe eines Einheimischen gebraucht, denn zum einen waren die Straßennamen auf der Karte ja auf Japanisch, zum anderen findet man nur selten überhaupt das korrespondierende Straßenschild. Neu eingenordet habe ich dann einfach das fragliche Zielgebiet kreuz und quer abgelaufen und schon bald stand ich vor einem Haus, dessen Eingang eine Pfeife und der Name Tsuge zierten.

Glücksfall 2:
Natürlich war ich völlig auf gut Glück dorthin gefahren. Zum einem war der freie Nachmittag nur dem Zufall zu verdanken, zum anderen ist Vorher-Anrufen keine so gute Idee, wenn man kein Japanisch kann.
Nun stand ich also vor der Fabrik und traute mich so recht nicht hinein. Keine Klingel und hinter der offenen Eingangstür zwar das Geräusch laufender Maschinen, aber keine Menschenseele. Resigniert wandte ich mich um und wollte wieder gehen, als ich am gegenüberliegenden Gebäude ebenfalls das Firmenlogo erblickte. Durch das offene Tor konnte man in den Warenausgang schauen, in dem ein Mitarbeiter fleißig Pakte zuklebte. Meine höfliche Anfrage auf Englisch hat der gute Mann zwar wohl nicht verstanden, wußte aber, daß man einen neugierigen Gaijin (Ausländer) besser gleich nach oben in den dritten Stock schicken sollte.
Dort angekommen fand ich mich in einem Büro wieder, in dem fünf oder sechs Personen ihrer Arbeit nachgingen. Als ich einen von ihnen ansprach und mein Anliegen vortrug, wurde ich umgehend an einen älteren Herrn verwiesen.

Dieser stellte sich als Toshinori Tsuge heraus, einer der drei Brüder, die heute das Familienunternehmen leiten. Die Brüder Shigeyasu und Kyozaburo kümmern sich um die Produktion bzw. Vertrieb und Export.
Der Vater und Firmengründer, Kyoichiro Tsuge, ist mit seinen über 90 Jahren allerdings immer noch in der Firma aktiv. "Er macht sauber und packt Ware ein, etwa noch eine halbe Stunde am Tag, und wir bezahlen ihn auch dafür", verrät mir der Sohn, dem heute die Finanzen unterstehen, später mit einem Augenzwinkern.

Zusammen mit Toshinori Tsuge besichtige ich zunächst die Produktions- und Lagerräume in gegenüberliegenden Gebäude, bevor wir uns wieder ins Büro setzen und er mir Episoden aus der Firmengeschichte erzählte und meine neugierigen Fragen beantwortete.

Ihre Ursprünge hat die Familie eigentlich im Schwertschmiedehandwerk, einen in Japan in höchstem Maße angesehenen Beruf. Als um 1868 Schwerter in Japan verboten wurden, mußte man sich nach neuen Tätigkeiten umsehen. In das Tabakgeschäft trat Kyoichiro Tsuge 1923 ein, als er, plötzlich mit 13 Jahren Waise geworden, in den Zigarettenladen seines Onkels kam. Er begann eine Lehre im Herstellen von Zigarettenspitzen aus Elfenbein und gründete mit 26 seine eigene Firma. Selbst in den Kriegsjahren gingen die Geschäfte mit den luxuriösen Waren gut.
Erst kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann man Pfeifen nach westlicher Art zunächst aus Kirschholz herzustellen. Die Amerikanischen Besatzungstruppen hatten große Mengen an Pfeifentabak nach Japan gebracht, wohl aber wenig Pfeifen, sodaß die Geschäfte florierten. Daneben stellte man weiterhin Gegenstände und Souveniers aus Elfenbein her, die sich an die Militärs gut verkaufen ließen. Doch das Geschäft mit den Pfeifen, mittlerweile aus Bruyere, wurde zunehmend wichtiger.

Die beste Zeit lag auch bei Tsuge in den Siebziger Jahren. Heute beträgt der Umsatz nur noch etwa ein Drittel und der Export leidet unter dem gestiegenen Kurs des Yen.
Waren es einmal mehr als 200 Mitarbeiter, so beschäftigt die Tsuge Pipe Company zur Zeit 27, Tendenz zur Zeit wieder steigend. "Unsere Firmengeschichte ist wie eine Berg- und Talfahrt", sagt Toshinori Tsuge nachdenklich, fügt aber mit Stolz hinzu, daß bisher nach den schlechten Zeiten auch immer wieder bessere gekommen sind. Damit das so bleibt, sucht man stets nach neuen Ideen und Produkten. So gibt es Pfeifensets, die so verpackt sind, daß man sie in japanischen Automaten vertreiben kann. Für die traditionelle japanische Pfeife, Kiseru, hat man hochwertiges Zubehör im Programm. Selbstbausätze für Pfeifen, komplett mit Raspel, Beize und allem was man braucht, werden ebenso vertrieben (zu besten Zeit ca. 6000 Stück im Monat), wie Bausätze für Zippo-Hüllen aus Bruyere.

Aber auch außerhalb von Pfeife und Tabak sucht man nach Nischen. Tsuge zählt heute zu den namhaften Herstellern von hochwertigen und teuren Gehstöcken mit Verzierungen aus Elfenbein, Schildpatt und Bruyere. Auch Füllfederhalter verlassen das Werk.
Als ich mit Toshinori Tsuge bei einem Tee sitze, zeigt er mir seine hochglanzpolierten Fingernägel und fragt mich nach meiner Meinung. "Ziemlich eitel für sein Alter", denke ich und lasse mir überrascht erklären, daß er einen Selbstversuch für ein Fingernagelpolierset betreibt. "Die Erfahrung im Polieren von Pfeifen muß sich doch irgendwie nutzen lassen", sagt er und hofft auf die Frauen als neue Zielgruppe. Wenn alles klappt, bietet man also demnächst ein Set aus elektrischer Polierbürste, Polierpaste und Carnaubawachs an. "Es wird teurer werden, als die bisher erhältlichen, aber unser guter Ruf und eine gute Verpackung werden uns schon genügend Kundinnen bescheren. Ich muß aber noch ein bischen optimieren. Wenn man zu lange poliert, passiert sowas", sagt er und zeigt mir einen im Forscherfieber durchpolierten Fingernagel.

Die Nachfrage nach Pfeifen in Japan ist zwar nicht gerade groß, aber die eig ene Produktion und die der zweiten japanischen Firma Fukashiro (Markenname Roland) reicht nicht aus, um den Bedarf zu decken.
Also importiert man schon seit Jahren aus Europa. Herr Tsuge legt mir den 144-seitigen Katalog der Firma auf den Tisch. In Format und Aufmachung dem Danpipe Katalog nicht unähnlich findet man Marken, wie Peterson, Chacom, Brebbia, Ser Jacopo, Savinelli, Charatan, Parker, aber auch Design Berlin und Torben Dansk. Der Verdacht der Ähnlichkeit mit Danpipe wird immer größer, als bei den Tabaken neben amerikanischen Importen, wie McClelland, G.L.Pease und Butera auch DTM Tabake auftauchen. "Ja, wir importieren schon seit einiger Zeit aus Hamburg", bestätigt mir Herr Tsuge.
Auch Kurioses findet sich: Aromatropfen, mit denen man seine Zigaretten aufpeppen kann. "Japanische Zigaretten sind so leicht, daß ich ernsthaft erwäge, demnächst Tabakaroma im Fläschen anzubieten" sagt er und fügt hinzu, "Mitterweile schmecken die einheimischen Marken fast nur noch nach verbranntem Papier".

Neben Beispielen handgemachter Ikebanas sind auch die Serienpfeifen von Tsuge im Katalog. Die Zweitmarke e-star bezieht man seit einiger Zeit vorgedreht aus Italien und macht nur noch die Endbearbeitung selbst. "Sonst könnten wir bei unseren Arbeitskosten die Pfeifen nicht mehr zu konkurrenzfähigen Preisen anbieten", läßt er mich wissen und erzählt weiter, daß er gerne in China eine Pfeifenfabrikation aufbauen würde.
Stolz zeigt er mir eine selbstentwickelte Systempfeife E-Star "The System", bei der der Rauch mehrfach an Außen- und Innenseite eines Papierfilterröhrchens vorbeigeführt wird. Im Ausland, so sagt er, sind die aber nicht zu haben.
Überhaupt lohne sich der Export von Tsuge Pfeifen nur noch bei den teuren Ikebanas. Die Serienpfeifen wären in Europa und Amerika nicht mehr gewinnbringend abzusetzen.

Neben unserem Tischchen stehen dann auch zwei grandiose handgemachte Stücke mit langen Bambusholmen. Die Preise haben es wirklich in sich, 180000 YEN für die helle Ausführung entsprechen etwa 1400 EUR.
Der Katalog belehrt mich bald, daß es auch noch teurer geht. Das höchste Grading "V" bekommt man für eine Million YEN (7700 EUR). Die unterste Klasse "A" erscheint mit 25000 YEN (190 EUR) dagegen geradezu wie ein Schnäppchen.

Mehrere Stunden angeregter Unterhaltung sind wie im Flug vergangen. Ich habe schon mehrfach vorsichtig versucht, mich wieder von dannen zu machen, aber Herr Tsuge findet immer wieder eine neue Geschichte zu erzählen.
"Kommen Sie doch vorbei, wenn Sie wieder in Tokyo sind", ruft er mir noch hinterher, als wir uns dann doch endlich verabschieden.

Draußen vor der Tür stehe ich im Nieselregen und trotzdem habe ich das Gefühl, gerade den schönsten Tag auf meiner Reise erlebt zu haben.

(23.05.2004)

Aktuelle Änderungen (alle) | Edit SideBar Letzte Änderung dieser Seite: 04.02.2008 23:37 Uhr bearbeiten | drucken | Versionen