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Reiseberichte Ukraine Pfeifologisches Notstandsgebiet

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Reiseberichte: Ukraine - pfeifologisches Notstandsgebiet

Daniel M. Porcedda

Gedanken eines Aussiedlers

Was zum Kuckuck hatte mich bloß im November 1998 dazu bewegt, als Luxemburger in die Ukraine überzusiedeln? (Anmerkung: Ich bin bis heute immer noch das einzige permanent in der Ukraine wohnhafte Exemplar des luxemburgischen Großreiches; ergo, ein Unikum ... aber ein pfeiferauchendes :-) )

Ich muß damals wohl nicht recht bei Sinnen gewesen sein. Ich bin mir aber wirklich sicher, bei dieser Entscheidungsfindung nicht stockbesoffen gewesen zu sein oder unter Einfluß von halluzigenen Wirkstoffen gestanden zu haben (der einzige wirkliche halluzigene Stoff, den ich mir beim besten Willen nicht versagen kann, ist Schokolade; Pfeifentabak ist NICHT halluzigen).

Wie dem auch sei, ich bin nun eben mal hier in der Ukraine und muß mich mit dieser dramatischen Situation abfinden. Allerdings muß ich einräumen, daß sich seit meiner Ankunft in diesem Land die Lage bereits leicht zum Besseren gewandelt hat.

Worum es eigentlich geht? Da fragt ihr noch? Um des wahren Mannes liebstes Stück: Die Pfeife. (ja, ja, ich weiß, es gibt auch weibliche Vertreter der Pfeifenliebhaberschaft .... meinen größten Respekt gilt diesen Damen!) Dieses vielen zum täglichen Begleiter gewordenen Holzstückes, oder präziser Bruyère-Holzstückes, das manchmal im schillerndsten Finish und perfekter Maserung und der atemberaubendsten Form das Herz eines jeden Pfeifenrauchers höher schlagen läßt.

Aber laßt mich das Pferd von vorne aufzäumen. Vor meiner Dauerabreise in die Ukraine habe ich während den vorhergehenden fünf Monaten bereits insgesamt sieben Wochen in Kiew, der Hauptsadt dieses Notstandsgebietes, verbracht (auf zwei Reisen verteilt). Selbstverständlich habe ich auch hier ohne böse Absichten meiner Leidenschaft gefrönt und in aller öffentlichkeit Pfeife geraucht. Na, die Blicke der Passanten hättet ihr mal sehen sollen. Ich wurde angeglotzt, als wäre ich eine Reinkarnation von Sherlock Holmes ... oder Stalin.

Ich muß auch gestehen, daß ich während meiner zwei mehrwöchigen Aufenthalte in Kiew mein Augenmerk eher auf diverse Sehenswürdigkeiten (ich gebs ja zu: auch zweibeinigen :)) ) gelenkt hatte als mich denn auf die Suche nach einem lokalen Pfeifenhändler zu machen (die Pfeifenrauchergemeinde wird mir diese Nachlässigkeit hoffentlich nachsehen). Außerdem führte ich meine Pfeifen, Tabak und Utensilien in ausreichenden Quantitäten mit mir, so daß kein dringender pfeifologischer Notfall eintreten konnte. Der wahre Pfeifenfreund ist nun eben mal vorausdenkend veranlagt.

Übrigens, erst nach längerer Zeit ist mir aufgefallen, daß ich während all diesen Wochen keinem, aber auch wirklich keinem einzigen Pfeifenraucher in ganz Kiew begegnet bin, sei es beim Flanieren durch die Kreschtschatik (Hauptstraße im Zentrum der Stadt), beim Stöbern in den Gallerien der Andrejevskyi Staße (das ist die sogenannte Künstlerstraße), beim Speisen in (überteuerten) Restaurants oder beim entspannenden Gespräch in einem Jazz-Club. Nun, diese Feststellung machte ich also während den Monaten Juni bis September 1999. Ich dachte deshalb, die Pfeifenraucher seien wahrscheinlich alle gerade in Urlaub.

Im November desselben Jahres habe ich also meinen Wigwam in der Ukraine aufgeschlagen. Selbstverständlich hatte ich in meinen Koffern genügend Vorrat für ein mindestens zweimonatiges Pfeifenraucherleben.

Und dann passierte es: Mein (damaliger) Lieblingstabak war alle. Was solls, sagte ich mir. Keine Panik. Hatte ich bis dahin doch schon die Information erhalten, daß man auf dem Vladimirskiy-Markt praktisch alle Pfeifentabake finden könnte. Frohgemut faßte ich meine Frau unter den Arm und ließ mich zu genanntem Markt führen. Und tatsächlich, am Eingang (oder Ausgang, je nachdem, von welcher Seite man kam) stand tatsächlich ein Tisch unter freiem Himmel bei klirrender Kälte (es war immerhin Februar) mit einigen Pouches verschiedener Tabakmanufakturen. Die Auswahl war, nun ... laßt es mich mal so formulieren ... unter aller Vorstellung. :(( Einige Captain Black Sorten, Clan, mehrere MacBarens und einige wenige, an die ich mich beim besten Willen nicht mehr entsinnen kann; so insgesamt wohl um die fünfzehn bis maximal zwanzig Tabake.

Daß mein Lieblingstabak nicht dabei war, muß wohl nicht extra Erwähnung finden. Ein Pfeifenraucher kennt zwar keinen Schmerz, aber das war doch hart an der Schmerzgrenze. Ich war dermaßen entsetzt, daß ich mich nicht mal mehr entsinnen kann, nach welcher Pouch ich denn letztendlich gegriffen hatte. Und dies war also die größte Auswahl an Pfeifentabaken in ganz Kiew!!!

Ich hatte auf einmal richtig Heimweh. Aber das half nun auch nicht. Glücklicherweise wird dem Pfeifenraucher ja eine gewisse Gelassenheit nachgesagt. Nun, glaubt mir, ich war mir dessen in diesem Schockmoment nicht mehr gewahr. Schliesslich hatte ich mich ja auf einen mehrjährigen Aufenthalt in diesem Land eingelassen. Also taumelte ich zusammen mit Frau wieder nach Hause. Dort angekommen, überlegte ich erst einmal, zündete mir ein Pfeifchen mit dem neu erworbenen Kraut an, überlegte nochmals eingehender und kam zu dem Schluß, daß ein Tabakwechsel vielleicht auch seine positive Seite haben könnte. übrigens schmeckte mein neu erworbener Tabak wirklich nicht schlecht, Frauchen mochte die duftige Raumnote und mein Kater flüchtete nicht sogleich aus dem Zimmer.

So vergingen die ersten fast vier Jahre in diesem Land der ungeahnten Unmöglichkeiten fast wie im Fluge. Ich habe einige interessante Tabaksorten kennengelernt. Ebenfalls habe ich zwei Läden ausgemacht, die doch tatsächlich auch Pfeifen verkauften, damit meine ich Pfeifen, aus denen man auch wirklich rauchen konnte und deren Herkunft ersichtlich war (damit meine ich den Hersteller der Pfeifen, nicht den Weg, wie diese Pfeifen ins Land kamen), ergo Markenpfeifen.

Ich war überwältigt wie ein Archäologe, der gerade Atlantis entdeckt hatte. Meine Freude erhielt dann aber sofort einen empfindlichen Dämpfer, nachdem ich mich davon überzeugt hatte, daß mein Kopfrechnen immer noch intakt war und der ermittelte umgerechnete Preis tatsächlich so horrend war wie eben merhmals gekopfrechnet. Außerdem waren in beiden Geschäften, die eigentlich hauptsächlich Alkoholika verkauften, keine Person, die auch nur ansatzweise wußte, was denn eine Pfeife auch wirklich sei. Fachberatung absolute Fehlanzeige. :(

Probe aufs Exempel gefällig? Also bitte. Ich fragte in einem der genannten Geschäfte, eine Dr. Plumb begutachtend, ob dieses Rauchgerät eine 9mm-Filterkammer habe (ich gebe es zu: Das war eine Gemeinheit; wußte ich doch, daß diese Pfeifenfabrik keine 9mm Filterpfeifen produziert). Kanjeschna (übersetzt: Aber selbstverständlich doch), kam es wie aus der Kalaschnikov, wobei der junge Verkäufer alsbald mit einem Ruck das Mundstück vom Holm abgezogen hatte. Er zeigte mir nicht ohne Stolz den Filter; einen herausnehmbaren Metallfilter.

Noch eins in der gleichen Art. Ohne eigentlich danach gefragt zu haben, erhielt ich in dem anderen Lädchen die Auskunft, daß die Pfeife, die ich eben in Händen hielte, übrigens eine Peterson, aus bestem Kirschholz wäre. Wummm! Das saß.

Kürzlich, also im Sommer 2002, haben zwei neue Pfeifenfachgschäfte eröffnet. Beide befinden sich im unterirdischen Metrograd Einkaufszentrum, direkt nebeneinander, sozusagen Vitrine an Vitrine.

In der Auslage des einen Händlers, der u.a. auch Taschenesser und anderes führt, liegen ein halbes Dutzend Dr. Plumb Pfeifen und einige exotische und furchtbar verarbeitete Pfeifen, bei denen ich nicht mal nach dem Herkunftsland fragen wollte. Eine Dr. Plumb kostet hier stolze 45 Euro.

Die Nachbarvitrine des Kollegen war immerhin mit namhafteren Pfeifen bestückt: Savinelli, Peterson, Butz Choquin aber auch Paronelli (ein Ostprodukt) und die obligatorische Dr. Boston. Preise? Ja! Gesalzene Preise! Peterson Donegal Serie für schlappe 120 Euro; Butz Choquin collection 2000 für sagenhafte 510 Euro; eine Danske Club kostet ca. 115 Euro; eine Paronelli ist bereits für 48 Euro zu erhalten (ein Ostprodukt eben) und eine Dr. Boston für ca. 60 Euro. Die Preise für Savinelli Pfeifen fallen etwas humaner aus. Mir wurde gesagt, es bestünde ein direktes Lieferabkommen mit Savinelli, also ein Direktimport aus der Manufaktur, weshalb diese Pfeifenmarke dermaßen günstig angeboten werden könnte. Dermaßen günstig ist in der Ukraine ein recht dehnbarer Begriff, hier ein paar Beispiele: Eine black Spigot für runde 210 Euro; ein Black Set kostet 150 Euro; eine Autograph runde 320 Euro, eine samtbeschichtete Obi nur 75 Euro. Tatsächlich sind einige Savinelli Modelle preislich zumindest nicht all zu überteuert.

Allerdings macht die Auswahl in der Pfeifenauslage den Eindruck, als hätte irgend ein Händler (vielleicht aus Deutschland?) seinem Kollegen hier schwervermittelbare Exemplare aufs Auge gedrückt, die in seinem eigenen Geschäft kaum jemand mehr haben wollte. Immerhin muß ich der Fairness wegen erwähnen, daß der Verkäufer in diesem Geschäft zumindest über einige Fachkenntnisse verfügte. Und ... er ist wohl die erste ukrainische Person in einem kiewer Pfeifenlädchen, die in korrekter Weise das Mundstück von jeder Pfeife entfernt, mit Rechtsdrehung und sehr behutsam. Kompliment. :)

Allerdings soll man in keinem der genannten Geschäfte nach Pfeifen-Zubehörartikeln fragen. Die Auswahl ist schlicht erbärmlich und mit Preisen versehen, daß man meinen könnte, sie wären gleich in Euro ausgezeichet (ein Euro sind ca. 5,20 ukrainische Hrywni, Stand August 2002). Beispiele auch hier: Ein einfaches Pfeifenbesteck aus tschechischer Produktion kostet hier sage und schreibe ca. 4 Euro (im Dan Pipe Katalog 0,75 Euro); einen Pipe-Jack Klappstäder habe ich schon für enorme 8 Euro erblickt (im vor genannten Katalog mit 1,75 Euro ausgezeichnet). Pfeifenascher und Feuerzeuge (sofern erhältlich) zu Juwelierspreisen.

Und nun zum (fast) immer benötigten Zubehör wie Filter und Pfeifenreiniger. Für eine 40er Packung 9mm Filter muß man in Kiew zwischen 7 und 9 Euro berappen, unabhängig der Marke; 50 Pfeifenreiniger kosten fast 2 Euro und 100 Pfeifenreiniger genau das Doppelte (Mengenrabatte kennt man in der Ukraine nicht).

Ich hatte mir mal erlaubt zu fragen, weshalb die Filter hier so teuer seien. Die ausweichende Antwort lautete: Sie können doch jeden Filter fünf bis sieben Mal verwenden. Prost Mahlzeit.

Es ist übrigens ein offenes Geheimnis, daß die meisten Pfeifentabake (die Auswahl ist immerhin heutzutage wirklich bedeutend größer als bei meiner Ankunft in der Ukraine vor fast vier Jahren), Filter, Pfeifenreiniger und sonstiges, was dem echten Pfeifenraucher so am Herzen liegt, auf illegalen Wegen in die Ukraine finden.

A propos: Echte Pfeifenraucher. Während den letzten beiden Jahren kann man immer häufiger Pfeifenraucher in Kiew entdecken. Meist läßt der Anblick dieser pfeiferauchenden Genossen mir einen eiskalten Schauder über den Rücken laufen. Die Geräte, die viele dieser Raucher im Mund halten, erinnern von der Formgebung her nur entfernt an Pfeifen, sind vom Fertigungsmaterial her wohl sehr selten aus Bruyère und man kann förmlich den Teer aus diesen Dingern triefen sehen.

Denn, außer dem Umstand, daß hier fast kein Ukrainer über eine richtige Pfeife zu verfügen scheint, interessiert sich auch kaum jemand dafür, wie man eigentlich eine Pfeife handhaben und behandeln sollte.

Ich habe selbst mit einigen pfeiferauchenden Bekannten gesprochen. Das Wort Pfeifenhygiene löst hier meist ein ohrenbetäubendes Lachen oder aber zumindest ein ungläubiges Achsenzuckeln aus. Sehr zarten Pfeifenraucherseelen empfehle ich nun, um keinen bleibenden seelischen Schaden zu erleiden, diesen Absatz nicht zu Ende zu lesen sondern gleich zum nächsten über zu gehen. Ich hatte, wie so oft, Besuch zu Hause. Und da alle meine Bekannte wissen, daß ich leidenschaftlicher Pfeifenraucher bin, bringen die wenigen, die über ein eigenes Pfeifenexemplar verfügen, dieses dann mit um mir beim Rauchen adäquate Gesellschaft leisten zu können. Nun kommt es vor, daß ich mal eine meiner Pfeifen reinige, auch wenn Besuch anwesend ist. Erstaunt fragte mich ein pfeiferauchender Gast, ob meine Pfeife kaputt sei. Ich sagte, nein, ich reinige sie bloß. Wie oft im Jahr reinigst du denn deine Pfeifen so? Ich erwiderte: Nach jeder gerauchten Pfeifenfüllung. Waaaaaas? Spinnst du denn? Ich fragte also vorsichtig, wie oft ER denn seine Pfeife reinige. Wie befürchtet, war die Antwort: NIE. Wenn sie nicht mehr zieht, steche ich mit einem spitzen Gegenstand einfach wieder ein Loch durch. Dann funktionniert sie immer wieder. Und dies ist wohl keine Ausnahme, sondern eher die Regel. - Für alle, denen es jetzt speiübel ist: Ich hatte euch im voraus gewarnt!

Ich habe allerdings erst vor wenigen Wochen diesbezüglich ein hoffnungsvolles Erlebnis gehabt. Während eines Empfangs der belgischen Botschaft hier in Kiew habe ich einen Endzwanziger kennengelernt, von Beruf Musiker (er spielt in einem und leitet ein Streichquartett) und ist ... Pfeifenraucher ... ein richtig echter Pfeifenraucher.

Seine Pfeifen bestehen tatsächlich aus Bruyère, er verfügt über etliche pfeifenspezifische Kenntnisse und Pfeifenreinigen ist für ihn ebenso selbstverständlich wie Zähneputzen. Yaroslav, vielen Dank. Ich sehe die Zukunft der Ukraine wieder weitaus zuversichtlicher. :)))

Trotzdem, hier meine pfeifologische Empfehlung (oder Warnung) an alle Ukrainereisenden: Nehmt alles, aber auch wirklich alles mit auf die Reise, was ihr während der gesamten Aufenthaltsdauer in der Ukraine zur Befriedigung euer Leidenschaft (ich spreche hier ausschliesslich vom Pfeiferauchen :)) ) benötigt!

Die Ukraine wird wohl noch auf sehr lange Sicht ein pfeifologisches Katastrophengebiet bleiben. Es sei denn ... ja, es sei denn ... es würde etwas Entwicklungshilfe geleistet werden. Vielleicht sollte ich doch mal ernsthaft darüber nachdenken, eines Tages einen Pfeifenclub hier in Kiew zu gründen ............

(13.09.2002)

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