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Schnupftabak: Pulver der Königin in aller Nasen
Thorsten Schreiber:
Schnupftabak: eines der ältesten Konsumgüter der Welt auf dem Weg nach oben
Von Thorsten Schreiber
Ein Häufchen, etwa so groß wie ein Reiskorn, liegt auf dem Handrücken. Jeden Moment wird es seine Bestimmung erfahren: Aufgeschnuppert werden und ein prickelndes Gefühl der Frische erzeugen. Nur ganz leicht durch die Nase einatmen, fast so, als ob man an einer Blume riechen würde. Doch dann, nach wenigen Sekunden, breitet sich ein feines, minziges Aroma geradezu explosionsartig aus...
Und kann schon mal zu einem explosionsartigen Rückstoß führen. Niesen ist jedoch entgegen landläufiger Meinung keinesfalls verboten. Vielmehr handelt es sich um ein untrügliches Zeichen dafür, dass sich hier ein Anfänger zuviel des guten Schnupftabaks zugemutet hat. Bei Profischnupfern ist derartiges Verhalten allerdings verpönt. Echte Genießer nehmen gerade soviel, dass sie nicht niesen müssen.
Dabei wäre der Nieser früher in prominenter Gesellschaft gewesen. Schnupftabak ist das älteste Tabakkonsumgut der Welt. Seit vielen Jahrhunderten ist eine Pris' in Asien, Afrika oder Amerika, vor allem aber in Europa sehr beliebt. Heute soll er nach dem Willen der Hersteller eine Renaissance erleben.
Genau in dieser Epoche begann nämlich der gesellschaftliche Aufstieg des Schnupftabaks, der ursprünglich aus Amerika stammt. Christoph Kolumbus brachte ihn Ende des 15. Jahrhunderts mit nach Europa. Im 16. Jahrhundert machte ihn die französische Königin Katharina von Medici (1547 bis 1559) dann hof- und salonfähig.
Wenn auch eher zufällig: Ihrem Migräne geplagten Sohn Franz II. verabreichte sie statt Umschlägen und Aufgüssen aus feuchten Tabakblättern geriebenes Tabakpulver direkt in die Nase. Der Arme musste daraufhin zwar kräftig niesen. Aber die Legende will es, dass seine Kopfschmerzen danach wie weggeblasen waren. Die resolute Frau Mama brachte dem Schnupftabak fortan große Sympathie entgegen. Die Franzosen nannten ihn daraufhin "poudre de la reine", zu Deutsch "Pulver der Königin".
Auch einer ihrer Nachfolger im Amt, Napoleon I. (1769 bis 1821) war leidenschaftlicher Schnupfer. Pro Monat soll er bis zu acht Pfund Tabak verbraucht haben. Seine Tabatière zierte das Bild der vergötterten Joséphine de Beauharnais.
Ein paar Jahre vorher war Jeanne Antoinette Poisson (1721 bis 1764), besser bekannt als Marquise de Pompadour, nicht nur eine Förderin von Kunst und Kultur. Als Mätresse von Ludwig XV. reichte ihr Einfluss so weit, dass der damalige König von Frankreich gerne von ihrer persönlich kreierten Schnupf-Mischung gekostet haben soll.
Auch Deutschland hatte große Schnupfer und Schnupferinnen. Im Jahr 1701 krönte sich Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg selbst zum König von Preußen. Seine Gemahlin Sophie Charlotte soll von der Zeremonie dermaßen gelangweilt gewesen sein, dass sie sich mit einer Prise Schnupftabak ablenken musste.
Die Dichter und Denker der Weimarer Klassik hatten ihren freien Kopf wohl ebenfalls einer erfrischenden Prise zu verdanken. Friedrich Schiller (1759 bis 1805) und Immanuel Kant (1724 bis 1804) beeinflussten sich in ihrem Denken gegenseitig. Zum Verständnis vieler Schriften Schillers muss der Leser auch mit Kants Werk vertraut sein. Und nicht nur auf geistiger, auch auf genüsslicher Ebene standen sie sich nahe: beide waren begeisterte Schnupfer.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Schnupfen schließlich weiter verbreitet als Rauchen. Im traditionsbewussten Bayern gilt das gelegentlich noch heute: Sei es im Biergarten oder auf dem Oktoberfest, eine frische Pris' gehört genauso dazu, wie eine frische Maß Bier.
Daher ernennen Hersteller Schnupftabak zum alten und neuen Trend. Vor allem junge Leute sollen den Duft der großen weiten Welt erschnuppern statt ihn mit Alcopops oder Zigaretten zu vernebeln. Alfred Götz würde das freuen. Denn der Vorsitzende des Schnupferclubs in Parkstein klagt über Nachwuchsmangel: "Wenn überhaupt, dann gehen die jungen Leute eher in einen Fußballfanclub, unter einem Schnupferclub können sie sich nichts vorstellen."
Götz sieht im Schnupfen auch eine sinnvolle Alternative zum Rauchen. Denn so komme man auch dort in den Genuss von Tabak, "wo Rauchverbot herrscht". Und das ist an immer mehr Orten des öffentlichen Lebens der Fall.
In der Oberpfalz gibt es etwa 25 Schnupferclubs. In Deutschland gönnen sich schon rund eine Million Menschen gelegentlich eine erfrischende Prise. Hauptsächlich in Süddeutschland, Thüringen, Sachsen und Nordrhein-Westfalen.
Heutzutage ist in vielen europäischen Ländern eine frische Prise beliebt, unter anderem in Tschechien, Polen, Österreich, Italien, Frankreich und Großbritannien. Einer der global größten Hersteller ist nach eigenen Angaben die 1902 gegründete Firma Pöschl in Geisenhausen bei Landshut. Sie produziert über 90 Prozent des Schnupftabaks in Deutschland, weltweit stammt jede zweite Dose aus dem niederbayerischen Familienunternehmen.
Im vergangenen Jahr verkaufte das Unternehmen 250.000 Kilogramm Schnupftabak im In- und Ausland. Der Renner ist dabei mit mehr als neun Millionen Boxen pro Jahr die "Gletscherprise". Für Fußballfans gibt es auch einen "FC Bayern Snuff".
Das Wort "Snuff" kommt aus dem Englischen und steht für die moderne Art Schnupftabak. Er ist fein gemahlen und wird mit Pfefferminz- und Eukalyptusöl sowie Menthol angereichert. Die genaue Rezeptur ist allerdings geheim. In Deutschland werden 40 Snuffsorten produziert. Hinzu kommen noch über 30 Sorten des klassischen bayerischen Schmalzlers. Er ist dunkelfarbig, mittelfein sowie durch den Zusatz feiner Öle relativ feucht und mild im Geschmack. Früher wurde er mit Butterschmalz verfeinert, daher der Name "Schmalzler". Dadurch war der Schnupftabak jedoch nicht lange haltbar.
Allerdings haben Schnupfer ohnehin ihre eigene individuelle Mischung, verrät Götz. Sie mixen verschiedene Sorten und verfeinern sie mit Zitrus- oder Ananasaromen. Jeder achtet zudem darauf, dass der Tabak nicht austrocknet, "sonst greift er die Nasenschleimhäute an".
Aber wie bei vielen anderen Genussmitteln gilt auch hier: Maßvoller Konsum reduziert das Gesundheitsrisiko. Wissenschaftler des Krebsforschungszentrums Heidelberg und der Universität Ulm haben die Wirkung von Schnupftabak auf die Atemwege untersucht. Ihre Studie geht davon aus, dass Schnupfer durchschnittlich 0,1 bis 0,2 Gramm Tabak pro Prise aufnehmen.
Bei einer angenommenen Tagesmenge von zwei Gramm Snuff oder Schmalzler würden etwa 14 Milligramm Nikotin absorbiert. Die Forscher konnten bisher kein erhöhtes Risiko für Erkrankungen des oberen Atmungs- und Verdauungstraktes oder der Nase und der Nasennebenhöhlen nachweisen. Für eine abschließende Klärung bedürfe es aber weiterer Studien.
Der Beitrag erschien bisher in unterschiedlichen Publikationen und wurde vom Autor zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.
(19.03.2005)