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Brunnschweiler

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Raucherfreuden

Das Hohe C der Cigarre oder Sind Raucher schlechtere Menschen?

Autor:Brunnschweiler, Thomas
Verlag:kontrast Verlag / Zürich
Jahr:2008
ISBN:978-3-906729-47-3
Preis:38 CHF / 22 EUR




Adrian Schmidtke:

Auch wenn die öffentliche Luft für Raucher – im übertragenen Sinn – dünn wird, so scheint der Bedarf an Literatur, die sich explizit an Raucher wendet, nicht geringer zu werden. Betrachtet man die Zahl der Neu- und Wiederveröffentlichungen der letzten Jahre, so scheint eher das Gegenteil der Fall zu sein. Mit Ausnahme derjenigen Bücher, die den Raucher-Nichtraucher-Disput thematisieren (und ihn damit, könnte man etwas gehässig sagen, zumindest mit-initiieren) richtet sich das Gros der Veröffentlichungen an Pfeifen- und Zigarrenraucher. Beim vorliegenden Buch von Thomas Brunnschweiler aus dem kontrast-Verlag in Zürich scheint zumindest auf den ersten Blick beides der Fall zu sein: Raucherlektüre und Analyse eines Kulturkonflikts. Dazu gleich mehr.

Vom Umfang her nicht allzu üppig (zieht man den Anhang ab, verbleiben noch 118 großzügig gestaltete Seiten), bestechen die Raucherfreuden äußerlich vor allem durch vornehmes Understatement: Das sorgfältig gebundene Buch ist nicht viel größer als ein Taschenbuch und großformatige Fotografien wie in der jüngst erschienenen Havana-Enzyklopädie von Michel Permeke sucht man hier vergebens. Diejenigen aber, die sich von Büchern auch hapitsch ansprechen lassen, werden mit diesem ihre Freude haben, denn jedes Detail zeugt von Sorgfalt und Liebe zur Buchherstellung – dem Verlag muss man schon einmal ein großes Kompliment machen.

Bei der Lektüre stellt sich jedoch zunehmende Irritation ein, denn die Intention des Buches ist höchst unklar. Zwar bietet Brunnschweiler im ersten Teil (S. 11-52) einen knappen, gleichwohl fundierten Überblick über allerhand Wissenswertes rund um das Zigarrenrauchen, flicht dabei immer wieder schöne Anekdoten ein und gibt sich als Liebhaber qualitativ höchstwertiger Zigarren zu erkennen, die – darauf hinzuweisen wird er nicht müde – natürlich auch einen entsprechenden Preis haben. Spätestens im zweiten Teil (S. 53-92) stellte sich bei mir jedoch eine erhebliche Ratlosigkeit ein ob der "Zugänge", die Brunnschweiler dort präsentiert. Er unterscheidet hierbei anthropologische ("Das Tier raucht nicht"), religionsgeschichtliche, sprachwissenschaftliche (Warum man auch im deutschen Sprachraum Zigarre keinesfalls mit 'Z' schreiben darf – ich tue es trotzdem), sensorische und ethische "Zugänge zum Thema" (Vorwort). Zu welchem Thema? habe ich mich immer wieder gefragt. Zum Tabak im Allgemeinen? Zu Zigarren? Oder zum im Untertitel ja wenigstens angedeuteten Diskurs um das Rauchen bzw. Nichtrauchen?

Die dort formulierte Frage ("Sind Raucher schlechtere Menschen?") ist ja doch eher eine rhetorische (vgl. 87), es sei denn, man zöge juristische und ethische Aspekte in den Mittelpunkt, was hier aber nur sehr eingeschränkt geschieht. Zwar fehlt im Kapitel "Draculas Cigarren – ein ethischer Zugang" nicht der peinliche Verweis darauf, dass man sich Hitler ja wohl kaum "genüsslich an einer Robusto ziehend" (S. 91) vorstellen könne, und auch Graf Dracula war Nichtraucher, weil "das Böse nichts Gutes genießen kann" (ebd.). Letzteres ist bestenfalls originell; mit Ethik – das heißt: der Erörterung von Fragen zum guten und gerechten Leben (Aristoteles), des Moral- und Werturteils und der Gerechtigkeit (Hume) kurz, der Frage, "was soll ich tun?" (Kant) – hat das, was Brunnschweiler präsentiert, leider nicht viel zu tun. Da rettet auch seine Quintessenz nichts:

"Cigarrenraucher sind weder bessere noch schlechtere Menschen, aber sie übernehmen mit jeder Cigarre die Verpflichtung, sich des kalten Machbarkeitswahns, der tödlichen Herrschaft puristischer Moral und der Blutsaugerei zu enthalten. Insofern beweisen Mafiosi, die Cigarren rauchen, dadurch nur, dass in ihnen noch ein Fünkchen menschlicher Anteilnahme steckt, bei aller Brutalität noch ein Herz schlägt." (S. 92)

Da hätte der ein oder andere Griff ins floral geschmückte Kistchen des Sprachschatzes weniger vielleicht doch gut getan. Stattdessen hätte sich Brunnschweiler in der hervorragenden Diskursgeschichte Marco Dietrichs die eine oder andere Idee dafür holen können, worum es bei der jahrhundertealten Auseinandersetzung für und wider den Rauch eigentlich ging und geht.1

Dass Brunnschweiler schreiben kann, wie man so salopp sagt, steht hier völlig außer Frage, das kann er sogar ausgesprochen gut. Dass er ein Kenner der Zigarre ist, mag man angesichts seiner Publikationen in den einschlägigen Fachzeitschriften auch nicht bezweifeln. Warum er als einen dritten Abschnitt jedoch auch noch die Pfeife mit ins Boot bzw. Buch holt, ist mir offengestanden schleierhaft, denn die steht im ihm nicht nur weniger nah als die Zigarre, wie das Beiblatt verrät, sondern hier ist er offensichtlich nur sehr unzureichend informiert.

Auf zwei halben Seiten behandelt er das Bruyère und seine Aufbereitung ab, als ob's gar nichts wär'. Ingo Garbe trifft er in einem Basler Fachgeschäft und erfährt, dass dessen Pfeifen "nicht gedrechselt sondern geschliffen" und deshalb "nicht gleichförmig rund" sind (S. 97). Aha. Dann geht es kurz nach Nordamerika und seinen Ureinwohner und schnell zurück in die Schweiz: Franz von Matt "legt Wert auf erstklassiges Holz, ausgewogene Formgebung, handwerklich gute Verarbeitung und ein Finish, das nichts kaschiert" (S. 105). Das ist banal. Welcher Pfeifenbauer sagt das nicht von sich? Die Aussage hingegen, "Pfeifenrauchern des englischen Stils ist alles Parfürmierte ein Graus. Für sie gibt es nur den rauchig herben Geschmack reinen Tabaks" (S. 107) ist schlicht falsch. Wer einmal an einer Packung Condor Ready Rubbed geschnuppert hat, einem der meist gerauchten Pfeifentabake auf der Insel, sagt so etwas nie wieder. Zudem findet man "reinen Tabak" außerhalb von Kriegs- und Krisenzeiten in keiner Pfeife, denn er ist nahezu ungenießbar. Der Aufwand, sich darüber zu informieren, dass jeder, aber wirklich jeder Tabak in irgend einer Form soßiert und aufbereitet ist (und sei es nur mit Honig oder Zucker), ist nicht groß; ein Blick in die für jedermann im Internet frei einsehbare Liste der Zusatzstoffe des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz hält diesbezüglich durchaus die ein oder andere Überraschung parat.

Dass man den Rauch von Wasserpfeifen nicht inhalieren soll (vgl. S. 115), ist schließlich nur ein weiteres Indiz dafür, dass Brunnschweiler von Dingen schreibt, mit denen er keine praktische Erfahrung hat – denn die kann man gar nicht rauchen, ohne zu inhalieren. Zumindest habe ich im Orient und Nordafrika noch niemanden seine Shisha paffen sehen; mich beschleicht der Verdacht, dass Brunnschweiler auch den Eindruck, dass in Ägypten die Nargileh "schwer im Trend" liegt (S. 116), möglicherweise eher aufgeschnappt, denn selbst erfahren hat. Kurz und gut: Hier schreibt zweifelsohne jemand über Dinge, mit denen er sich nicht wirklich auskennt.

Der Appendix beinhaltet eine umfangreiches Verzeichnis von Museen und eine Sammlung von Fachliteratur vor allem neueren Datums, bei der jedoch einige wichtige Titel fehlen. Stellvertretend seien die bereits erwähnte Diskursgeschichte von Marco Dietrich, das umfangreiche Werk zur Havanna von Michel Permeke, Lopes’ 'Cachimbos', das zweifellos eines der must-haves der Pfeifenliteratur ist, oder der Ratgeber für Pfeifen-Einsteiger von Jörg Pannier genannt.2 Und dass Brunnschweiler in der Beschreibung des Holtappels schreibt, dieser hätte "500 Tabaksorten im Test" (S. 131) beweist eigentlich nur, dass er dieses Buch, wenn er es denn in der Hand hatte, nicht kritisch geprüft hat.3

Im Grunde genommen hält Brunnschweiler ein wesentliches Versprechen des Buches ein: Er bietet Zugänge zum Thema Tabak (vgl. Vorwort). Dies tut er jedoch so eng an der Zigarre, bleibt bei der Wahl seiner Zugänge so beliebig und äußerst sich schließlich zu Dingen, über die er ersichtlich nicht genügend informiert ist, dass es fast schon ärgerlich ist. Auf der anderen Seite ist das Buch sprachlich eine Freude, und bereitet das, was man eine "kurzweilige Lektüre" nennt. Äußerlich hebt es sich erfreulich von der Masse der oft sehr lieblos gestalteten Ratgeberliteratur ab und schließlich geht es auch mit der Wahl der 25 zum Teil sehr eigenwilligen Illustrationen von Sonja Studer einen eigenständigen Weg. Ein Blick hinein lohnt in jedem Fall, sofern man den persönlichen Interessenschwerpunkt bei der Zigarre setzt, kein Nachschlagewerk erwartet und nicht allzu streng mit den Zugängen umgeht, die der Autor aufzeigt. Auch wenn das Buch bei kritischer Lektüre deutliche Mängel aufweist, so war mir die Lektüre vor allem im ersten Teil ein ausgesprochenes Vergnügen.


Anmerkungen:

[1] Claus-Marco Dieterich: Dicke Luft um Blauen Dunst. Geschichte und Gegenwart des Raucher/Nichtraucher-Konflikts. Marburg: Jonas-Verlag 1998.

[2] Jose Manuel Lopes: Pipes - Artisan and Trademarks. Quimera 2005; Jörg Pannier: Pipe-Line. Das Buch zur Pfeife. Münster: Daedalus Verlag 2004; Michel Permeke: Havannas. Großer Genuss aus Kuba. Neustadt/Weinstr.: Neuer Umschau Buchverlag 2007

[3] Vgl. http://www.daft.de/pmwiki.php/Buecher/HoltappelsPfeifentabakbrevier

(17.12.2007)

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