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Dicke Luft um Blauen Dunst
Geschichte und Gegenwart des Raucher/Nichtraucher-Konflikts
| Autor: | Claus-Marco Dieterich |
| Verlag: | Jonas-Verlag/Marburg |
| Jahr: | 1998 |
| ISBN: | 3-89445-231-5 |
| Preis: | € 20,- |
Adrian Schmidtke:
"Die Kulturgeschichte des Rauchens", so heisst es auf dem Klappentext des Buches von Claus-Marco Dieterich, "ist immer auch eine Geschichte der Konflikte zwischen Rauchern und Rauchgegnern gewesen. In den letzten Jahrzehnten sind diese Kontroversen jedoch eskaliert, der Blaue Dunst beginnt sich zu verflüchtigen. Im Zeitalter des Passivrauchens, der Nichtraucherzonen und der oragnisierten Rauchgegner geht es längst nicht mehr nur um das Rauchen als eine individuelle Handlung, sondern um eine Fülle von weitreichenden sozialen und kulturellen Fragen."
Claus-Marco Dieterich, Mitarbeiter am Institut für Europäische Ethnologie und Kulturforschung der Universität Marburg, hat mit diesem Buch tatsächlich eine Lücke geschlossen. In Zeiten polemischer, teilweise fast paranoider Auseinandersetzungen zwischen Rauchern und Rauchgegnern zeigt er in seiner Diskursanalyse - gänzlich unpolemisch, sachlich und nüchtern - dass dieser Konflikt in seiner Geschichte schon immer ein verbissen geführter gewesen ist. Was den gegenwärtigen Stand des Konflikts ausmacht, ist zum einen die Tatsache, dass sich der Tabakkonsum tatsächlich auf dem Rückzug befindet, zum anderen aber ist es der Befund, dass es heute innerhalb dieser Auseinandersetzung mehr denn je nur zweitrangig um den Rauch an und für sich und in erster Linie um eine Vielzahl von konfliktbehafteten Fragen nach Sozialität und Kultur, um Individualität, Gemeinschaft und Risikobehandlung geht.
Den Einstieg macht eine Kulturgeschichte des Rauchens. Dieterich bezieht sich hier vor allem auf die Zigarette (um die ging es nach der Verdrängung des Schnupftabaks innerhalb der Kontroversen hauptsächlich), er zeigt dabei deren Entwicklung von einer Alternative zur Zigarre, hin zu einem industriellen, mit Filtern und anderen Zusätzen versehenen Hightech-Produkt auf. Gleichwohl fehlen Zigarre und Pfeife natürlich nicht, nur sind diese auch auf den zahlreichen hervorragenden historischen Abbildungen eher zweitrangig.
In den nächsten beiden Abschnitten bietet Dieterich dann die versprochene sozialgeschichtlich und kulturhistorisch orientierte Diskursanalyse des Raucher/Nichtraucherverhältnisses. Dass dieser Konflikt (vor allem auch ikonographisch - wieder möchte ich auf die Vielzahl wirklich gelungen ausgewählter Abbildungen verweisen) sein Gesicht ständig wandelt, überrascht nicht. Dass sich die Fronten zunehemend verhärten und von einem nutzbringendem Dialog häufig nicht mehr gesprochen werden kann, auch nicht. Dass aber gar nicht erst in den Blick gerät, worum es bei diesem Konflikt eigentlich geht, verwundert.
Da ist (1.) die These, dass Raucher, in dem sie sich zu ihrer Sucht bekennen, gewissermaßen gegen den Prozess der Zivilisation aufbegehren und - in Anlehnung an Freuds Triebtheorie - einfach nur dem nachgehen, was andere sich versagen: ihrem Wunsch nach Rausch. Wäre der vom Prozess der Zivilisation verfolgte Weg konsequent, so würde sich, mit dem Soziologen Norbert Elias gesprochen, "der status quo der Zivilisation auch in der Kontrolle und Bemeisterung dieses Triebes ausdrücken" (S. 103). Dass dem nicht so ist, sondern die Gesellschaft und der Staat Sucht- und Rauschmittel willkürlich als Genussmittel deklarieren und mit Steuern belegen (an ihnen also verdienen), ist eine Facette des Konflikts. Der Raucher tut das, was eigentlich alle wollen: er geht seiner Sucht nach und führt damit gewissermaßen den Zivilisationsprozess ad absurdum, das ist die andere. Und dafür hasst man ihn.
Unabhängig davon kann man (2.) ein zunehmendes Körper- und Gesundheitsbewusstsein ausmachen. Der menschliche Körper der Gegenwart ist einer Vielzahl von Gefahren ausgesetz, die man nicht riechen, sehen, schmecken, hören oder fühlen kann und die Medizin ist hervorragend, wenn es darum geht, neue Gefahren auszumachen. Häufig bemerkt man diese Gefahren erst, wenn es bereits zu spät ist (Krebs, Aids, Strahlen). Rauch bemerkt man problemlos, er ist eine einfach zu identifizierende Bedrohung für den gesundheitsbewussten Leib und da Gesundheit zu einem immer höheren Gut wird, das unbedingt bewahrt werden muss, richtet sich die Angst vor ihrer Bedrohung vor allem auf das, was sich identifizieren lässt.
Im Anschluss an diese These reanimiert Dieterich (3.) das Theorem von der Risikogesellschaft (Ulrich Beck), das dem soziologisch vorgebildeten Leser angesichts seiner Popularität in den Feuilletons der frühen 90er Jahren noch in banger Erinnerung sein dürfte. Die Akteure von Zivilisation und Kultur sind "gleichzeitig aktive Risikoproduzenten und zugleich schutzbedüfrtige Subjekte" (S. 107) und diese Ambivalenz wird innerhalb des Raucher/Nichraucher-Diskurses zu einer fatalen Eindeutigkeit, da hier die Frage, wer das Risko produziert und wer den Schutz verdient, scheinbar so einfach zu klären ist.
Schließlich verweist Dieterich (4.) auf die permanente Konkurrenz zwischen zwei zentralen Werten moderner Gesellschaften, die häufige Unvereinbarkeit von 'individueller Freiheit' und 'kollektiver Verantwortung', die in ihrer Unversöhnlichkeit im Raucher/Nichtraucher-Konflikt besonders drastisch zutage tritt. Einerseits zeichnet sich die postmoderne Gesellschaft dadurch aus, dass sie ein - historisch betrachtet - hohes Maß an Sicherheit und Schutz für Minderheiten bietet. Problematisch dabei ist, dass die - prinzipiell ebenfalls vorhandenen - Möglichkeiten zur informellen Selbstregulierung dabei zunehmend in den Hintergrund treten. Soll heißen: es wir geklagt, verboten und gesetzlich verankert, was das Zeug hält, wo man sich auch mit den Prinzipien abendländischer Streitkultur - mit Worten, nicht mit Keulen! - einigen könnte.
Ein gutes hat die Sache. Wo Konflikte sind, ist auch ein Wandlungsprozess, der nötig ist zur Standortbestimmung und Selbstdiagnose der Gesellschaft, der eine kritische Überprüfung bisheriger Wertehorizonte und Erweiterung derselben bietet. Hoffen wir, dass Dieterich recht behält mit seinen Schlussworten: "Trotz seiner Emotionalität und Aggressivität dürfte der gegenwärtige Konflikt um das Rauchen, Passivrauchen und Nichtrauchen letztlich weniger soziale Desintegration provozieren als gesellschaftliche und kulturelle Dynamik fördern" (S. 109).
Eine ausserordentliche Veröffentlichung, die meiner Meinung nach unbedingte Beachtung verdient. Dieterich schließt eine seit langem bestehende Leerstelle innerhalb der Publikationen zum Thema Tabak und bietet dem sozial- und kulturhistorisch interessierten Leser eine intelligente und ausgezeichnet zu lesende Diskursanalyse. Hoffen wir, dass seine Thesen auf fruchtbaren Boden fallen.
(14.10.2005)
Bernd Hohmann:
Nun habe ich mir das Buch auch angeschafft und gelesen.
Leider ist es so, dass es für einen kulturwissenschaftlichen Abriss zu flach - für eine populärwissenschaftliche Darstellung hingegen zu langweilig ist.
Claus-Marco Dieterich hält sich an die Maxime von Caesar Conte Corti aus dem Jahr 1930: ".. so wird es mir zur größten Freude gereichen, wenn derjenige, der das Buch nach der Lektüre aus der Hand legt, auf Grund derselben die Frage nicht zu beantworten imstande ist, ob der Verfasser ein Raucher ist oder nicht".
Und das ist auch schon der Anfang vom Ende dieses wissenschaftlichen Aufsatzes, denn Dieterich windet sich zwischen Zitaten und Belegstellen wie ein frisch geöltes Krokodil um an keiner Stelle irgendeinen Standpunkt hervorblitzen zu lassen.
Dies führt dann ständig zu Sätzen wie "Die Frage aber, ob Filter- oder auch Leichtzigaretten zu diesem Zeitpunkt bereits als eine Reaktion auf eine zunehmende Problematisierung des Rauchens in der Tradition der frühen Diätik des Rauchens zu deuten sind, ist komplex und lässt eine eindeutige Antwort wohl nicht zu".
Und so flach zieht sich diese Betrachtung über 109 Seiten und wo es interessant werden könnte, zieht sich der Autor zurück und verweist auf die Fussnoten (die stellenweise interessanter sind als das Buch).
Fazit: zu wenig Neues, zu wenig Wissen - der Leser ist am Ende nur ermüdet und verwirrt. Für Sozial- und Kulturwissenschaftler aufgrund des Anhangs interessant, für den Rest der Raucher ist dieses Buch schlichtweg Banane.
(24.10.2005)