zurück
Das Taschenbuch vom Schnupftabak
| Autor: | Klaus D. Hartel |
| Verlag: | Heyne / München |
| Jahr: | 1970 |
| ISBN: | 3-453-41028-9 |
| Preis: | DM 2,80 (Buch ist nicht mehr im Handel erhältlich) |
Jan Hauck:
Klaus Hartel hat das getan, was jemand einmal machen mußte, nämlich ein Buch zum Schnupftabak zu schreiben. Vermutlich hat er dafür die umfangreiche Bibliothek im Hause Pöschl als einzige Quelle benutzt, denn viele Fakten, oder was er als Fakten präsentiert, findet man letzthin auch im Radford's Magazin von Pöschl wieder. Seine sogenannten Fakten sind unter der Oberfläche aber oft wenig mehr als Anekdoten. Auch seine private Etymologie des Wortes "Schmarotzer" ist sprachwissenschaftlich nicht haltbar. Man merkt ihm an, daß er ein Enthusiast ist, denn sein Stil ist nicht sachlich oder sogar wissenschaftlich. Er kann sich zwar ordentlich ausdrücken, aber seine hemdsärmelige, schulterklopfende Art macht ihn teilweise unglaubwürdig.
Bemerkt sei an dieser Stelle sein Aufzeigen von Fakten, wie das hauptsächliche Konsumieren von Schnupftabak unter der weiblichen Bevölkerung zu verschiedenen Zeiten. Dem stellt er aber unnötige Sätze und private Wertungen seinerseits gegenüber, wie "der Schneeberger ist etwas für Frauen". Aber das Buch ist von 1970, und deshalb muß man so etwas vor diesem Hintergrund sehen.
Wenn man objektiv bleiben will, muß man aber auch zugeben, daß er einige sehr interessante Dinge aus der Pöschlbibliothek und eventuellen anderen Quellen ziehen konnte. Das sind unvermeidliche Episoden über Napoleon, den alten Fritz oder die Medici, aber auch erfährt man als Leser etwas über Herstellung und Herkunft des Schnupftabaks. Viele dieser Tatsachen über den Tabak, die Arten des Schnupftabaks oder die Aufbewahrungsmöglichkeiten wie Tabatiere oder Schmalzlerglasl sind nicht von der Hand zu weisen, sehr interessant und ich habe sie gern in einem Buch versammelt.
Nur leider bleibt nicht viel übrig, wenn man seine Füllsel und Anekdoten über böhmische Schmuggler und das ewige Aufzählen von großen Namen, die geschnupft haben sollen (Wieviele wichtige Personen heutzutage rauchen Zigarette? Es ist eben der Zeitgeist.) aussiebt. Und dennoch, warum nehme ich das Buch immer wieder gern vor und blättere durch ein paar Seiten bei einer Prise? Sicher liegt es nicht an der mageren, aber passabel gezeichneten Bebilderung, auch nicht an der Gliederung des Buches, die ist nämlich nicht sinnvoll vorhanden. Das Buch ist unterhaltsam, wartet mit leicht verdaulichen Kapiteln auf und hilft dem Schnupftabakfreund, sich zwischendurch mit seinem Hobby nicht allein zu fühlen. Bis dieses Buch nicht durch ein anderes ersetzt wird, bleibt es das einzige, das zu empfehlen ist.
Wer es noch bekommen möchte, hat die Wahl zwischen Ebay oder einem Antiquariat. Oder er setzt sich hin und schreibt ein neues Buch, was meiner Meinung nach keine schlechte Idee ist.
(06.10.2003)
Dennis Schmolk
Ein Heyne-Paperback von 1972, 124 Seiten dünn, nur mit kleinen,
stichartigen Illustrationen versehen - und trotzdem das umfassendste mir
bekannte deutsche Buch zu dieser großartigen Leidenschaft. Und ein
wahres Lesevergnügen.
Der Autor führt uns in launigem Ton und mit diversen Seitenhieben und
viel Selbstironie durch die Kulturgeschichte des Schnupfens von
indigenen Völkern Südamerikas bis an die großen Fürstenhöfe der
europäischen Renaissance, von Klostermauern in die deutschen
Wirtschaftszentren kurz nach dem Wirtschaftswunder. Dabei kommen zwar
die altbekannten Fußnoten der europäischen Geschichte wieder vor, die
Anekdoten von Jean Nicot und la Rochefoucauld, vom Alten Fritz und der
viktorianischen Moral. Wer aber Bücher wie "Die Kunst, Pfeife zu rauchen" von Joaquin Verdaguer oder Cabrera Infantes "Rauchzeichen"
kennt, wird über die leicht verschobene Perspektive - die des Schnupfers
- amüsiert sein.
Ein umfangreicher praktischer Apparat ergänzt diese gar nicht graue
Theorie: Von der (leicht antiquierten, also vor allem historischen)
Marktübersicht an Schnupftabaken über eine Kaufberatung bis zur
korrekten Schnupftechnik.
Der statistische Apparat wiederum ist einer Bemerkung wert: Zwischen
1961 und 1969 lag der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch der Deutschen an
Schnupftabak zwischen 5 und 7 g. (Nicht allzuviel, wie jeder Schnupfer
selbst stärkster Snuffs bestätigen wird.) Der Autor summiert dies auf
230.000kg. Der ausgezeichneten Pressemappe der Firma Pöschl entnehme
ich, dass diese jährlich 242.000kg absetzt - allerdings international
(mit einem Marktanteil von 50%, eigenen Angaben zu Folge) sowie in
Deutschland (mit einem selbstvermuteten Marktanteil von ca. 93%). Der
Verbrauch hat seitdem also tendenziell ordentlich abgenommen.
Eine Randbemerkung noch zum Thema Gesundheit: Das Buch gibt sich da
recht optimistisch. Ich bin nach aktueller Erkenntnislage ähnlich
gestimmt. Das Schädliche am Tabakgenuss ist nicht der Tabak, sondern
seine Verbrennungsrückstände. Allerdings gibt es m.W. auch Hinweise auf
Mundhöhlenkrebs durch Kautabak - das heißt, gesundheitliche Risiken
können nicht vollkommen ausgeschlossen werden. Eine Vorbemerkung des
Buches hingegen weist indirekt auf einen eventuellen gesundheitlichen
Nutzen hin.
(19.05.2009)