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Pfeifenplausch bei Rainer Barbi in Worth am 04.07.2002
Heiko Jahr
HJ: Ich bin heute zu Besuch bei Rainer Barbi in Worth in Schleswig-Holstein. Heute ist der 04.07.2002. Herr Barbi, Sie betreiben das Geschäft seit 1974. Nun habe ich bei Rolf Rutzen gelesen, Sie haben Ihr Jurastudium soweit zu Ende gebracht und sind dann ins Profi-Lager gewechselt. Wie muß man sich das vorstellen, dass ein Student plötzlich sagt: Also,Juristen ihr könnt mich mal – ich mach lieber Pfeifen.
RB: Na ja, die ganze Schiene fing damals eigentlich wegen einer großen Erkältung während meines Jurastudiums an. Und ich hatte dann für ein Jahr das Rauchen aufgegeben. Aber irgendwann die Entscheidung gefällt, dass Rauchen mir Spaß bringt und mich dann entschieden, doch ins Lager der Pfeife überzuwechseln. Aus verschiedenen Gründen, einmal, weil ich der Meinung war, dass Pfeiferauchen nicht so meine Bronchien belastet und zum anderen weil mir Pfeife, Holz, Bruyere und diese Formenvielfalt an Pfeifen viel Spaß brachte. So begann ich dann meinen Händler damals zu nerven, besuchte den glaube ich alle zwei Tage, guckte mir seine Pfeifenbestände an und fand natürlich dann wunderschöne, tolle Pfeifen und schlichte Pfeifen. Die Nobelpfeifen allerdings, die haben den Rahmen meines studentischen Budgets erheblich gesprengt. So blieb mir dann erst mal nicht anderes übrig, als mich der Konsumgruppe zu widmen. Aber weil auch irgendwie eine straight grain haben wollte, dachte ich mir dann: kauf Dir mal einen Hobbyblock bei dem. Ja, und ging dann mit Hobbyblock, Schnitzmesser, Sandpapier in den Urlaub in die Schweiz und schnitzte dann 10 Tage lang an meiner ersten Pfeife rum. Bedauerlicherweise hatte die einen Fehler am Holm, der musste weg, der wurde aber immer größer, wie dass so üblich ist bei diesem wunderbaren Material. Den hatte ich dann voller Wut durchgebrochen, vom Balkon geschmissen, meinen Urlaub kurzfristig abgebrochen und bin gleich wieder zurückgefahren und habe mir neue Blöcke geholt. Das war damals so der Einstieg in das ganze Metier Pfeife für mich. Da war aber noch gar kein Gedanke daran, das irgendwie beruflich mal zu machen, sondern dann kam der Zufall. Ich bastelte also meine Pfeifen und basteln ist damals auch der richtige Ausdruck gewesen, lief dann immer mit diesen Produkten zu meinem Fachhändler ins Geschäft, zeigte sie natürlich mit Macherstolz und irgendwann machte der einen Stand auf "Du und Deine Welt", dieser Verbrauchermesse und fragte mich, ob ich nicht Pfeifen schnitze als Werbefigur für ihn vorne, und alles was ich dort umsetze kann ich behalten. Und weil Studenten natürlich immer knapp bei Kasse sind, kam mir dieser Job gerade recht. Das war ein sehr erfolgreicher Einstieg, muß ich gestehen. Wir blieben dann weiter in Verbindung. Ich machte dann alle langen Samstage meine Demo vor seinem Geschäft, lieferte ihm Ware in Kommission rein und ich hatte einen wunderbaren Nebenverdienst während meines Studiums. Als ich dann im 8. Semester war, kurz vor meinem Examen, kam dann für mich einfach die Entscheidung: Was mach ich jetzt: Jura oder Pfeifen? Weil ich der Meinung bin, wenn ich was mache, kann ich nur eine Sache machen, weil ich muß sie richtig machen. Und zwei Sachen nebeneinander vernünftig und gut zu machen, ist schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Dann kam die nächste Stufe, der nächste Zufall, meine Frau war damals bei einem Baufinanzierungsbüro und der war auch noch Pfeifenraucher. Irgendwann erzählte ich ihm mein Problem. Ich würde mich gerne selbstständig machen, brauche aber ca. 50.000 von der Bank an Kredit, hab aber keine Sicherheiten. Und da meinte er ganz locker zu mir: Ach, ruf mich in zwei Tagen wieder an, da wollen wir mal gucken. Er sieht da kein Problem. Also, zwei Tage später rief ich ihn an, er übermittelte mir die fröhliche Botschaft, ich solle nach Neumünster fahren und dort auf der Bank liegt mein Geld bereit. Das ging dann natürlich ruck-zuck bei mir ab. Ich war da, kaufte mir mein Auto, rief bei den Handelskonsulaten nach Sägewerken an, wer Bruyere verkauft und 2 Wochen später war ich dann schon in Griechenland und kaufte mein erstes Rohholz ein.

HJ: Das ist ein interessanter Einstieg ins Pfeifemachen, also gleich so ins kalte Wasser gesprungen, gesagt: jetzt oder nie. Ich fang jetzt an und mach’ richtig Pfeifen. Wie läuft so etwas ab, wenn man als Anfänger, ja nun noch ziemlich unbekannt dasteht, wie bringt man sich dann überhaupt ins Geschäft. Ich kann mir vorstellen, dass man da viele Partner braucht, protegiert werden muß, um da überhaupt einen Fuß in die Tür reinzubekommen. Wie war das bei Ihnen.
RB: Also das erste Problem ist natürlich ein deutsches Problem. Man findet hier keine Lehrstellen, um Pfeifenmachen zu lernen. Das andere war, in Dänemark gab es ein paar Pfeifenmachern, aber die wollten mich nun auch nicht unbedingt als Lehrling haben. Also blieb mir nur das eine übrige als mir autodidaktisch das Wissen zu vermitteln. Was dann eben durch Literatur aus den Fachgebieten Chemie, Farben, Holzverarbeitung stattfand. Das zweite Motto hieß: üben und üben, bis ich dann einigermaßen, einen Standart zu fassen hatte. Die nächste Stufe war dann, und das ist die konsequente, das ist die Vermarktung des Produktes. Da ich gern professionell arbeite, fiel mir dann nur die Lösung ein, mir auf der Frankfurter Messe, der internationalen, einen eigenen Stand zu nehmen und dort meine Produkte anzubieten. So war ich in der damaligen Epoche der erste und einzige Einzelstückhersteller, der es wagte, sich die vehementen Kosten eines Frankfurter Standes an die Beine zu binden. Und ich muß gestehen, das war auch in der d amaligen Epoche sehr erfolgreich. Für mich jedenfalls. Nun muß man dazu wissen, dass in den 70er Jahren eigentlich alles was mit dem Munde gefräst war dankend und in großen Mengen eingekauft worden ist. So dass diese Startzeit auch eine sehr, sehr gute war.
HJ: Wenn man gleich am Anfang so viel Erfolg hat, dann kommen doch sicher auch Überlegungen nach Vergrößerungen. In Richtung Manufaktur, wie das zum Beispiel Nording macht. Oder wie das in Italien einige betreiben, dass man sagt: Ich habe eine Idee von Formen, auch Formensprache und arbeite aber mit mehreren Mitarbeitern, weil ich selber kann von meinen Produkten, was weiß ich, im Jahr vielleicht zwei- dreihundert Stück fertigen. Und mit so einer Manufaktur wäre ich in der Lage einen Quantensprung auf das 10fache z.B. zu erreichen. Hatten sie solche Überlegungen.
RB: Ja, dass ist natürlich immer eine sehr verlockende Idee. Das Problem für Einzelstückmacher ist dabei etwas ganz anderes. D.h. dieses Holz ist ein sehr fehlerhaftes und während des Arbeitsprozesses sind ständig Fehler auszumerzen, Formen zu korrigieren aber der entscheidende Faktor für gute Einzelstückmacher ist, dass sie einen eigenen Stil, eine eigene Handschrift haben. Durch dieses ständige verändern, dieser Fehlerausmerzung und Formkorrekturen kann man diese Arbeit nicht delegieren, weil, wenn ein anderer das macht hat der seinen eigenen Stil und er macht sein eigenes Label und er macht da mit Sicherheit keine Barbi. Also bleibt es Einzelstückleuten leider nur übrig, die Stücke von Anfang bis Ende komplett selber in eigener Regie zu fahren und sich leider mit diesen minimierten Stückzahlen dann leider zufrieden geben zu müssen. Die andere Möglichkeit und das war die einzige Situation, dass man sagt o.k. aus einzelnen gut laufenden Modellen mach ich jetzt ‚ne Hochwert-Serie. Und das habe ich natürlich geüb t und versuchte, mir Partner zu finden aus den Industrien, bin aber bis zum heutigen Tag dran gescheitert, weil die Qualität, die ich haben möchte, leider von diesen Firmen nicht gemacht werden können.

HJ: Da wäre das nächste Stichwort geliefert: Qualitätsstandart. Nun, geht das ja sicher beim Holz los. Wie verfahren Sie? Sie fahren selber in die Mittelmeerregion und suchen sich dort die Stücke einzeln aus? Oder gehen Sie zu einem Großhändler in Deutschland und suchen dort, oder lassen Sie sich einfach einen Sack Bruyere vor die Tür stellen? Wie läuft das bei Ihnen?
RB: Ja, weil ich der Meinung bin, dass für ein derart zeitaufwendiges Produkt nur das beste Material einfach gut genug sein kann, unterziehe ich mich der Mühe, selber vor Ort zu fahren, die Stücke zu selektieren. Und das ist natürlich etwas schwierig, weil im Gegensatz zur landläufigen Meinung, gibt es nicht einen Ort, wie Korsika, wo das beste Holz sitzt, sondern das beste Holz wächst im gesamten Mittelmeerraum und man muß es suchen und man muß es dort finden. Und das eben nach den Kriterien der Qualität des Holzes, entsprechend Wachstum, der Qualität des Holzes entsprechend Verarbeitung beim Sägewerk, sprich Schnitt, Auskochen und den Prozessen, dass auch Hochqualität gefunden werden kann. Und natürlich in Verbindung zu der Rarität, sprich der Maserungsschönheit, dieses Kantels.
HJ: Hatten sie im Laufe vieler Jahre, ich meine es ist ja auch viel Streß, irgendwann das Gefühle, ich schmeiße mein Schnitzmesser in die Ecke, ich mach jetzt was anderes, ich will keine Pfeifen mehr machen? Oder kam Ihnen diese Idee nie?
RB: Nee, also diese Ideen kamen mir überhaupt nicht, weil ich viel zu verwachsen mit diesem ganzen Produkt Pfeife geworden bin. Das ist ja auch eine vielschichtige Arbeit. Das hängt ja nicht nur damit zusammen, dass man sich seine Rohmaterialien zusammenstellt und zusammensucht und da das Beste zu finden hofft. Es geht weiter, dass man sein eigener Entwickler, was kleine Maschinen Werkzeuge ist, um das Ganze auch rationell und sachrichtig zu verarbeiten. Ich stehe ständig im Lernprozess, neue Verfahren, neue Methoden von Oberflächen, Farbgebung herauszufinden. Ich habe dann noch den Verkauf der ganzen Produkte dazu. Natürlich, last not least, auch das Gespräch mit den Kunden. Dadurch ist dieses ganze Unternehmen so interessant, dass selbst in diesen Störzeiten, wenn meine Scheidungen stattfanden und ich desolat neben mir hing in der Psyche gestört und nicht mehr zum arbeiten in der Lage war, dann aber nach Überwindung der Probleme die Dynamik einsetzte und einfach sage: So, jetzt kann ich endlich mal wieder Pfei fen machen und mich endlich wieder diesem schönen Metier widmen. Was mir auch Riesenfreude bringt.
HJ: Um noch einmal auf die Qualität des Endproduktes zu kommen. Sie graden ja auch Ihre Pfeifen. Ist das für Sie nur ein Zugeständnis an die Sammler oder sehen Sie darin auch ein tatsächliches Unterscheidungskriterium für Ihre eigenen Produkte oder sagen Sie sich: Das jetzt eine Pfeife, die grade ich jetzt mit "AA", die gefällt mir persönlich soweit ganz gut und das ist eben eine Pfeife die grade ich mit "CC", die gefällt mir nicht so gut? Oder sagen Sie sich: Na ja, in der "CC" steckt eigentlich viel mehr Arbeit drin und ist mir mehr ans Herz gewachsen und die andere hat nicht so eine tolle Maserung. Wie gehen Sie an dieses grading-Problem ran? Ich weiß von einigen anderen Machern, die graden halt wild durch die Gegend und man fragt sich, wie es da zu großen Preisunterschieden kommen kann, dass man das am Endprodukt auch ausmachen kann.
RB: Also das grading ist ein Riesenproblem. Ich persönlich kann auf grads eigentlich sehr gut verzichten, weil ich immer der Meinung bin, dass jede Pfeife als solches ein schönes Produkt sein kann, wenn denn der richtige Betrachter vor dieser Pfeife steht, die er mag. Das ist ja auch eine Frage der persönlichen Affinität zu einem Stück. Es ist ja nun nicht immer die Frage der Rarität der Maserung, was hauptausschlaggebend ist, sondern da spielen Form, Design, Farben eine große Rolle, auch momentane Stimmungslage eines Kunden und Pfeifenliebhabers. Für den kann ohne weiteres ein nieder gegradetes Stück tausendmal schöner sein als das absolut perfekteste Teil. Also dieses Grading ist eigentlich ein Zugeständnis an Händler und Sammler. Einmal, die Händler wollen irgendwo eine Preisfixierung haben, um einen Gradmesser in den Wertigkeiten und im Preisgefüge für sich zu finden. Und das andere, Sammler möchten natürlich auch irgendwo wissen, in welcher Qualität rangiert denn nun dieses eingekaufte Stück. Als solches is t das Graden natürlich schwierig, sehr schwierig. Man kann graden nach der Affinität des Machers, weil manchmal habe ich Stücke, die gefallen mir ausgesprochen gut, mir jedenfalls, die müssen gar keinem anderen gefallen. Da könnte ich natürlich dazu neigen die in eine Topgruppe einzurangieren. Das wäre so eine Möglichkeit. Aber ich versuche das an einem ganz anderen, straffen Reglement zu machen, unabhängig von Größe, Form und Design ob es mir nun besonders gut gefällt oder nicht so gut gefällt, habe ich nur zwei Kriterien. Das eine Kriterium ist die Spotfreiheit, also die Fehlerquote und das zweite Kriterium ist die Maserungsrarität. Ich denke, das sind die einzigen Kriterien, die man irgendwo in einer neutralen, objektiven Ebene überhaupt nur messen kann. Alles andere ist unmessbar. Dass von der Verarbeitungsqualität, das am niedrigsten bewertete Produkt genau die gleichen Arbeitskriterien hat, wie das absolute Top-Produkt ist bei mir selbstverständlich.
HJ: Und Sie vertreiben Ihre Pfeifen in erste Linie selbst, d.h. Sie haben keinen exklusiven Vertriebspartner, dem Sie sagen hier Jahresproduktion 200 Stück verkaufst Du mir jetzt. Sondern Sie gehen an die einzelnen Händler und bieten denen Ihre Stücke an.

RB: Ja, da hatte ich mich von Anfang an zu entschieden, meine Stücke selber zu vertreiben. Das hat verschiedene Gründe. Einmal ist es mein altes Erfahrungsmodul, dass Preise von Pfeifen auch noch irgendwo erschwinglich bleiben müssen, weil nicht jeder – und das ist mein eigener Erfahrungsweg über die studentische Ebene – hat dieses Budget, aber er möchte auch gerne mal eine handgearbeitete Pfeife haben. Also deswegen versuche ich auch, den Rahmen der Preise möglichst für jeden erschwinglich zu halten. Unabhängig davon, dass es durch die Mischkalkulation natürlich dann auch sehr teure und luxuriöse Top-Stücke gibt, aber so muß es bei mir auch sehr preiswerte und für jedermann erschwingliche Stücke geben. Wie gesagt, das hat mit der Verarbeitung und der Perfektion nichts zu tun. Das hat dann nur was mit der Rarität zu tun. Dadurch sind sie dann niedriger in der Wertung und auch dann erschwinglich. Er hat dann aber immer noch eine Barbi. Das ist also das eine und das zweite ist natürlich eine logische Kette – wie a uch immer – im Handel wird das meiste Geld verdient, nicht in der Produktion. Pfeifenmacher sind arme Schweine. Und wenn man sich die Arbeitszeiten und die Rohmaterialpreise anguckt und dann den Preis dazuschaltet, den man dann vom Großhandel oder Vertrieb bekommt, dann ist man eigentlich von Haus aus schon pleite. Und dementsprechend blieb nur die logische Konsequenz zu sagen, wenn ich denn irgendwo noch davon überleben möchte, dann bleibt mir eigentlich nur der Direktvertrieb. Also einmal aus dem Preisgefüge heraus, um das moderat zu halten und zweitens natürlich auch, um überhaupt überleben zu können mit diesen Produkten.
HJ: Woher holen Sie immer wieder neue Anregungen für neue Pfeifen. Orientieren Sie sich da, schielen sie da doch mal ein Stück nach Norden. Und sagen, hm, jetzt hat der Lars Ivarson was gemacht in der Richtung. Das könnte ich mal probieren, natürlich in meiner eigenen Formensprache mal was zu machen. Oder schöpfen Sie alles aus sich selbst heraus?
RB: Also da gibt es ja nun zwei Archetypen von Machern. Die einen, die haben eine bestimmte Formenvorstellung für bestimmte Pfeifen. Das kann man dann auch deutlich sehen. Da beschränkt sich dann das ganze Bild auf fünf bis zehn Grundtypen, die dann durch Applikation und Feinheiten verändert werden aber in der Grundsubstanz vom Modell her eigentlich sich duplizieren in einem Rahmen. Die andere Gruppe und da gehöre ich zu, die lassen sich einfach von der Natur nur leiten. Ich bin ein fauler Sack und ich will mir auch gar nicht die Mühe machen, mir großartig Gedanken darüber zu machen. Sondern mein Rohmaterial Holz ist so millionenfach vielschichtig gewachsen, dass es dadurch auch Millionen an Möglichkeiten und Formen gibt. Und wenn ich mich einfach auf mein Holz verlasse, sagt mir mein Holz, was ich am Besten daraus machen kann. Und darum kommt eine gigantische Variabilität an Modellen nachher heraus.
HJ: Sie arbeiten dann also frei an der Schleifscheibe, wie man immer so schön sagt. D.h. sie machen sich nicht große, meterlange Entwürfe, wo Sie sich dann hinsetzten und sagen, so und so möchte ich das jetzt haben , sondern nehmen sich das Stück Holz und denn man los?
RB: Nach diesem Motto geht das. Also ich male mir noch nicht mal was auf den Kantel drauf, sondern im Grunde diktiert die Maserung und die Fehlerquote des Holzes die Form letztendlich. Es gibt verschiedene Möglichkeiten immer in einem Block und Aufgabe dieses Freehandmachers - und ich lege jetzt Wert auf Freehandmacher, weil es gibt nur ein paar wenige von, die frei an der Schleifscheibe arbeiten, der überwiegende Bestand, der dreht die Köpfe vor und arbeitet dann an der Schleifscheibe weiter – diese Freehandleute lassen sich auch überwiegend durch Maserungsbilder und Fehlerquoten in dem Holz in eine Modell- und Formebene hineingleiten.
HJ: Ist dann das Pfeifen machen für Sie dann auch immer ein echter schöpferischer Prozess in dem Moment, wo sie dann an der Schleifscheibe stehen und ist dann da – ja, was kontemplatives fast?
RB: Ja, ich würde sagen das ist ein Zwiegespräch mit dem Rohmaterial. Und im Grunde genommen die Eröffnung heißt, dass man sich zwei Minuten mit dem Block in die Ecke setzt, sich mit dem unterhält und ihn fragt, was soll ich aus dir machen? Und dann gibt er eine Antwort, wenn man da richtig zuhören kann. Was mir allerdings auch nicht immer gelingt, weil wir unterschiedliche Sprachen sprechen – zeitweilig. Dann kommt eigentlich das optimale Ergebnis heraus. Eigentlich, muß ich immer mit Vorbehalt sagen, und das kann man dann auch sehen. Es gibt ja Pfeifen, da gelingt das von Anfang an und da weiß ich, ich habe es getroffen, ich habe die richtige Sprache mit ihm gehabt. Und dann kommen auch keine Fehlerquoten an dieser Stelle, wo der Kopf steht oder wo der Holm steht. Die sind dann ganz woanders, die sind im Ausschuß, das was ich sowieso wegschneide. Und dann gibt es die anderen, wo die Sprache nicht funktioniert und da finde ich dann die dicken Klinken und Einschlüsse ausgerechnet da, wo ich mein Material haben w ill. Und nun beginnt das große Drama zwischen uns beiden und wir kämpfen uns da durch. Das hat mal irgendwann der Daton Mattlick so nett beschrieben in einem Artikel in "Pipe and Tobacco", dass ich da immer so eine Schlacht absolviere, das ist eine "battle" für mich. Und das ist auch so. Das ist ein stundenlanger Kampf mit diesem Rohmaterial und wir ringen miteinander und bekämpfen uns gegenseitig und es kann mal passieren, dass der Kampf darin endet, dass ich frustriert dieses Objekt, das nix geworden ist, an der Wand zerlege.

HJ: (Heiterkeit) So ähnlich hat das auch Cornelius Mänz beschrieben. Er sagt, er hat Tendenzen zum Autodafé im dem Moment, wo das was ihm schon fast gelungen war, dann am Ende sagt: nö, ich werde keine Pfeife.
RB: Ja, das ist richtig. Das ist dann die Entscheidung des Materials. Dann habe ich geloost und kann mich dann dem nächsten widmen und muß es dann besser machen. Und das ist auch einer der Motoren für Leute wie mich, die da eigentlich sehr idealistisch rangehen. Das ist die Suche nach dem Ultimativen. Das hält auch einem immer an der – trotz Frust und Problemzonen – es hält einen an der Stange. Man kämpft sich da durch, weil irgendwann muß es doch passieren, dass dieses Absolute entsteht, wo alles stimmt: Top-Holz, Top-Maserung, die schönste Form, die perfektionistischste Arbeit. Und dann könnte man schreien und weglaufen. Aber das wird der Tag sein, wo ich dann aufhöre Pfeifen zu machen, weil dann gibt es nichts mehr zu toppen. Und ich bin der festen Überzeugung, dieser Zeitpunkt wird nie stattfinden. Wir sind in einem Spiel der Begrenztheit und wir arbeiten mit der Natur und irgendwo wird sich immer eine Fehlerquote einschleichen, die das Ultimative zum Scheitern verurteilt.
HJ: Wie viele Blöcke brauchen Sie um eine Pfeife am Ende in den Händen zu halten, von der sie sagen können, die kann ich den Leuten anbieten?
RB: Also ich habe einen Ausschussquotienten von 50%. Das heißt 50% sind total Schrott. Und dann kommt noch einmal 40% aus den übriggebliebenen 50% an Sand dazu. Wo man dann auf Grund der Menge der Fehlerquoten sich dann dazu durchringt, die müssen wir jetzt strahlen.
HJ: Wer strahlt die für sie?
RB: Das macht Former. Da habe ich Gott-sei-Dank einen gefunden. Der hatte damals meine Werkstatt in Lauenburg übernommen, das ist ja nicht weit von hier, 20 km. Und ich war dann in der glücklichen Lage, mit meinen Pfeifen, wenn sie zum Strahlen soweit fertig waren, hinfahren zu können und konnte sie dort dann strahlen. Leider ist er umgezogen und jetzt muß er das für mich übernehmen, weil die Distanz bis Dänemark ein bisschen weit ist.
HJ: Sie schicken dann sozusagen ihre Strahlkandidaten nach Dänemark und er strahlt die für Sie. Und das macht er auch so, wie sie das haben wollen?
RB: Das macht er sehr gut. Er gehört da wirklich mit zu den Besten. Nur, das ist auch so ein Problem, auch ihm wiederfährt genau das gleiche wie mir, auch beim Strahlprozeß kommt nicht immer das Ultimative heraus. Es gibt manchmal Hölzer, da sind die Strukturen so hart, dass man kein vernünftiges Relief bekommt. Und da scheitert auch er dran.
HJ: Aber selber wollen Sie nicht strahlen? Dass Sie sich sagen, ich baue mir hier eine kleine Sandstrahle rein, einen kleinen Käfig drum und dann strahle ich mir meine Sachen selber.
RB: Also ich muß sagen, ich würde das sehr gerne machen und bin auch immer mit diesem Gedanken schwanger. Da gibt es nur ein Problem, dass eine Sandstrahlanlage sehr teuer ist und das steht in keinem Verhältnis zu der Menge der Pfeifen, die ich strahle. Das wäre dann schon wieder Idealismus, um zu sagen endlich und ja ich möchte jetzt strahlen, also kann ich das sofort und wenn ich das möchte. Aber irgendwie rechnet sich das ganze nicht. Das zweite ist, das ist auch eine Platzfrage. Das setzt einen gigantischen Kompressor voraus und ich muß auch den Platz haben können, den ablagern zu können. Da habe ich auch so ein kleines Problem mit.
HJ: Aber die Idee ist bei Ihnen noch nicht ganz aus dem Kopf?
RB: Die Idee wird sich auch realisieren. Das kann sein, dass das dieses Jahr oder nächsten Jahr wird. Das hat sich soweit verdichtet, daß ich selbstverständlich meine auch selber strahlen will.
HJ: Dann noch das leidige Thema Filter. In Deutschland muß man es ja doch ansprechen. Wie stehen Sie zur Filterproblematik und wieviel Prozent Ihrer Produktion machen Filterpfeifen aus?

RB: Also, das ist ein sehr großes Problem bei mir. Ich war früher ein Hardcore-Typ, der einfach gesagt hat: Was soll so ein Filter? Ich mag keine Krücken! Und gesünder macht’s der Filter auch nicht. Dann irgendwann im Laufe der Jahre und des Älterwerden-Prozesses bin ich dann wesent lich toleranter geworden und hab dann gesagt: O.k., es gibt verschiedene Himmel, in die ein Pfeifenraucher eindringen kann. Und wenn ein Mensch im Filter seinen Himmel findet, dann ist das in Ordnung. Weil das gefällt ihm, das ist seine Sache. Also kann ich da nur sagen, ich unterstütze dich dabei und dementsprechend mache ich auch einen Quotienten an Filterpfeifen. Nun muß man dazu wissen, dass sich die Filterländer auf Deutschland und Österreich beschränken – der Rest der Welt ist filterfrei. Die haben sich da noch nicht zu diesem kleinen Körperchen, der dann auch noch zum überhitzen des Tabakgutes führt und zum Kondensatausfall im erhöhten Umfang durchringen können. Aber wie gesagt, das ist ... ich bin sehr tolerant geworden. Heutzutage sage ich, es ist sein Himmel und wenn es sein Himmel ist, soll er darin glücklich werden. Nun es tut mir immer an der Seele leid, das muß ich auch sagen, weil die Holmstärken natürlich, die ich für Filterpfeifen machen muß, manchmal oder bei vielen Pfeifen dann die Filigranität, das Leichte des Designs dann vermissen lassen. Und dann sehen die natürlich sehr dynamisch und nicht so besonders toll proportioniert aus. Das sind dann die Abstriche, die im Design gemacht werden, bedauerlicherweise. Aber nun!
HJ: Nächstes Stichwort: Das typische Barbi-Design, war das von Anfang an da? Hat sich das radikal entwickelt oder war das so ein Prozess, dass man jetzt mittlerweile in der Lage ist, eine Barbi auf 10 m Entfernung zu erkennen? Manche Leute haben ja schon so eine Formensprache intus. Also diese bestimmte Art des Designs, dass man ein Produkt schon vom reinen Ansehen, einem Macher zuordnen kann. Oder hatten sie auch starke Brüche in Ihrer Entwicklung?
RB: Also, das ist sehr schwer jetzt diese knapp 30 Jahre zurück zu blicken, um zu sagen: das war jetzt schon meine eigenständige Handschrift. Grundsätzlich habe ich ein Prinzip, d.h. ich orientiere mich an keinen Modellen irgendwelcher anderer Leute! Und das macht es mir natürlich viel leichter eine eigene Handschrift, ein eigenständiges stilistisches Element zu entwickeln, weil ich orientierungsfrei nur an mir selber das Produkt oder die Linien versuche hinzuzaubern. Dann kommt natürlich ein Eigengeschmack dazu. Mein eigenes stilistisches Erleben, was ich dann in diese Stücke hineinimpliziere. Und das ist dann das, was wir wahrscheinlich auch mit Handschrift bezeichnen. Und da ich ja auch ein bisschen exzentrischer und verblockter Typ bin, orientiere ich mich lieber an mir selber und nur an mir. Und dementsprechend ist es auch dahingekommen und das, glaube ich, schon seit vielen Jahren, dass meine Stilistik wirklich schon auf 10 m Distanz klar abzugrenzen ist. Ich kann auch gar nicht sagen, was das für eine Sti listik ist. Weil dänisch ist es nicht. Italienisch ist es auch nicht. Irgendwann hat mir mal ein Amerikaner gesagt: das ist halt Barbi.
HJ: Eine gute Antwort! Für Sie ist also Pfeifenbauen, Pfeifenmachen auch durchaus im Hinterkopf so eine Art Lebenswerk. Also manche Leute machen sich ja Pläne: Ja, wenn ich dann mal 65 bin, da mache ich dann nur noch was für Freunde, da ziehe ich mich dann ein bisschen zurück... An solche Sachen denken sie nicht?

RB: Also bei mir ist Pfeifemachen ... Na gut, es dient zwangsläufig dem Lebenserwerb und irgendwo von muß man leben. Und nun habe ich mir dieses Metier ausgesucht. Aber der Motor ist ganz etwas anderes. Und der Motor hat natürlich ganz verschiedene Bedingungen. Einmal, sagte ich schon, ist ein Motor, das Ultimative zu finden. Und da die Wahrscheinlichkeit gegen Null geht, das je zu schaffen, heißt das auch, dass ich so lange an der Hoffnung arbeiten, üben muß, bis ich dann das Zeitliche segne. Das ist so die eine Situation. Das zweite ist natürlich, es ist ja auch irgendwo so, wer so etwas macht, der profiliert sich ja auch selber. Nicht umsonst kämpft man um Perfektion. Und Perfektion ist so ein Spiegel der eigenen Seele. Das ist auch so ein kleines Selbstverwirklichungs- und Nabelschauprogramm. Ich könnte mir nie vorstellen, irgendein Mittelmaß zu machen. Ich würde mich tot unglücklich machen mit so einem Produkt. Das irgendeinem zu zeigen und der sagt dann: Das ist ja ganz nett was Du da gemacht hast, aber da müssen wir noch ein bisschen dran üben. Das wäre mir oberpeinlich. Und das ist so etwas, wie soll ich das ... Mit "egoprofiling" hat das etwas zu tun. Und das hat auch etwas mit Selbstverwirklichung zu tun. Und das hat auch was mit Sinnstellung im Leben zu tun. Und deswegen kann ich mir auch nicht vorstellen, irgendwann mal eine Rente einzureichen. Da wäre ich hilflos im luftleeren Raum, wüsste gar nicht, was soll ich hier eigentlich noch und dann könnte ich mir auch nur noch die Kugel geben, die goldene oder so etwas ähnliches.
HJ: Wir hatten vorhin schon einmal kurz das Mundstückmaterialproblem angesprochen. Sie verwenden nun überhaupt kein Acryl, dass ja nun auch bei Handmade-Machern immer beliebter wird.
RB: Ja, ich persönlich halte von Acrylen nicht besonders viel. Ich bin ein sehr klassischer Typ. Und Klassik heißt für mich in diesem Bezug genauso, wie in Bezug auf Holz: nur das beste Material ist gut genug für eine Pfeife. Und mir ist dieser Schnittpunkt zwischen User und Objekt viel zu wichtig, als dass ich da auf dieses harte, gläsrige, klickrige Material umschwenken könnte. Kautschuk ist weich, Kautschuk ist elastisch, Kautschuk fühlt sich am besten zwischen den Zähnen an. Nur in Kautschuk kann ich auch derartig flache Bissstärken erreichen, wie es meine Spezialität ist, so dass die kaum wahrnehmbar zwischen den Zähnen liegen. Das geht mit Acryl nicht. Das einzige handicap ist halt das Putzen. Nur ich verwende erstens Stangenmaterial, das oxidiert auf Grund der Schwefelmenge niemals so schnell wie die früher bekannten Preßlinge. Und zweitens für mich gehört Pfeifenpflege auch zum Ritual des Pfeifenmögens. Das ist so ein Kombipack. Und irgendwie, wenn ich einen Pfeifenraucher sehe, dann ist das nicht einfac h ein Mensch, der in dem Kopf Tabak verbrennt und sagt, mir ist das vollkommen Wurscht, wie der Rest aussieht. Sondern der sitzt irgendwann mal, einmal die Woche , einmal im Monat genüsslich beim Congac, guckt sich seine Pfeifen an, putz sie, pflegt sie und erfreut sich an seinen Stücken. Das ist irgendwie eine Dreidimensionalität. Und deswegen habe ich auch keine Probleme mit den Oxidationen von Kautschuk. Weil wenn es vernünftig gepflegt wird, wird es nie grün.
HJ: Können wir noch auf Ausblicke eingehen? Gibt es noch irgendwelche großartigen Projekte, die sie in nächster Zeit, jetzt mal vom Sandstrahlen abgesehen, vorhaben.
RB: Na ja, da sind so zwei Sachen, die ich gerne mal machen würde. Das eine habe ich schon angesprochen, das ist eine hochwertige Serie. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass ich damit auch noch einen wesentlich größeren Liebhaberkreis meiner Modelle, wenn sie die denn mögen, ansprechen kann. Zu einem dann auch wirklich erschwinglichsten Preis, um mir dann auch eine Rente oder so etwas zu verschaffen irgendwann. Und das andere ist natürlich Tabak. Was mich natürlich auch als Pfeifenraucher interessiert, wenn auch nur zeitweiliger Pfeifenraucher, weil ich ja auch bekannt bin als überwiegend Zigarettenkonsument. Aber ich sehe immer mehr diesen obersüßen Dr.-Oetker-Tabak in den Regalen stehen, der schon alles andere verdrängt hat. Und ich habe da auch so meine Sehnsüchte so in, ach so in natürlicher Süße und schönsten, abgerundetsten, breit Aroma besetzten englischen Mischungen ... Flakes liebe ich. Was mir so fehlt, für meine Begriffe ist so ein wunderbarer Roll-Cake, der aber so meine Nuance hat, weil da gibt es zwar Escudo und andere aber irgendwie kicken die mich nicht so 100%. Also da habe ich schon ’ne Sehnsucht. Nur, wann das stattfinden wird ... Wie gesagt das hängt auch dann mit den Unternehmen zusammen. Sind sie in der Lage, machen sie das, das sind die Mengenfragen und das ist natürlich für Einzelstückleute nicht so einfach, da die Füße reinzugraben.
HJ: Gut, das war jetzt also das Statement zum Ende. Vielen Dank.
(18.11.2002)