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Reiner Professional (wild cut)

(Pfeifentabak)

Markenname:Reiner
Mischung:Virginia und Burley, etwas helle Virginia, Black Cavendish
Schnittbreite:wild cut, mittellang, 3-5mm
Typ:aromatisiert
Stärke:leicht-medium
Verpackung:100g Dose
Preis:17,50 Euro

Robert Bannert

Als ich mich vor Jahren bei Kärnbachs in Berlin-Steglitz wieder mal nach neuen Sorten umschaute und sie mir ihre Jubiläumsmischung „Kärnbachs Jubi 20“ zum Schnuppern gaben, war ich einigermaßen angetan. Dazu muß ich sagen, daß ich durch die (demnächst behobenen) Nasenprobleme in den letzten Jahren zumeist nur eingeschränkt riechen kann – was sich halt auch auf meine Genußfähigkeit in Sachen Pfeiferauchen auswirkt – und so den Tabak gewissermaßen, mal weniger, meistens mehr, nur auf Distanz zu beurteilen vermochte; aber er schien mir interessant und in mein Geschmackspektrum zu passen.
Zuhause bei der ersten entzündeten Portion die Ernüchterung: „Oh nein, so schrecklich, und Du hast nun 100g davon gekauft!“ Warum dieser Eindruck so war, ist mir bis heute ein Rätsel geblieben; vielleicht war die Anmutung, köstlich schmeckendes Weihnachtsgebäck zu RAUCHEN, für mich zu irritierend.
Denn die nächste Füllung erlebte ich ganz anders: Ich fiel bei jedem weiteren Zug von einem Rausch der Begeisterung in den nächsten – einen derart vollschmeckenden „warmtonigen“, körperhaft-vollmundigen, dabei milden und fast „beiläufigen“ Tabak hatte ich noch nicht erlebt! Er erinnerte mich immer wieder an die Pfefferkuchen, die zu backen meine Großmutter so gut verstand (und welche Fähigkeit sie mit ins Grab genommen) – und doch war ich mit dem Vergleich nie zufrieden. Dabei war der (recht feine, schmiegsam-weichblättrige) Schnitt so unproblematisch zu stopfen und zu entzünden wie zu rauchen – es war mir, als ob der Tabak in seinen Eigenschaften als Blatt und Pflanze denaturiert war, in förderlichem Sinne. Selbst wenn ich ihn folterte und zu heiß rauchte: Er blieb lange Zeit wohlschmeckend und entfaltete immer wieder sein wunderbares Aroma. Es ist mir fast nicht wie Rauchen, eher wie eine neue unbeschriebene Art von Genuß, so beiläufig und dabei vollendet wie ungewöhnlich aromatisch ohne jede Aufdringlichkeit widerfährt mir dieser Vorgang.
Auch die Raumnote dieses so erhebend schmeckenden, duftenden Rauchgebäcks erinnert nicht platt ans Plätzchenmachen, vielmehr an eine unbekannte Art besonders edler, ausgewogener Emulgierung hochwertiger Nahrungsmittel, was einen etwa dem Vergnügen beiwohnenden Nichtraucher von jeder Duldungshaltung positiv bekehren dürfte.
Alles in allem für mich eine willkommene Nachspeise nach ausgiebigem Festmahl – oder in Erinnerung an eines. Solch ein Pfeifchen läßt mich gesättigt fühlen!
Man sieht, ich tue mich schwer mit exakter Geschmacksnuancierung! Ja, er hat wohldosierte Süße und schmeckt auch nussig und nach Frucht (aber einer säurearmen); da ist allerdings so viel mehr, das ich noch nicht auseinanderzuhalten vermag und zu analysieren! Wenn die Nasenoperation erfolgreich verlaufen sein wird und ich mich eh wieder verständiger meinen Pfeifen widmen werde, kann es sein, daß ich dies nachzuholen das Bedürfnis bekomme. Jetzt aber hoffe ich auf Glaubwürdigkeit und genügend Gewicht meiner etwas hilflosen Beschreibung, auf daß sich jemand besser Geübter (und weniger Behinderter) mit dem Tabak beschäftige.
Lassen wir noch den Hersteller zu Wort kommen, wie er sich auf dem Aufkleber am Boden der flachen postkartengroßen Metallschachtel (nur zu 100g erhältlich) äußert:
„Feinstes Virginia- und Burley-Blattgut mit Black Cavendish, angereichert mit Extrakten amerikanischer Hickory-Nüsse, wird erst für Wochen in eichenen Whisky-Fässern gelagert. Eine Beimischung heller, breiter Virginias und ein Flavour tropischer Früchte vollenden die feine Eleganz milder, reifer Süße.“
Ein weiteres zur Konsistenz: Verglichen mit zunehmend mir begegnenden groben Schnitten, vor allem modernen Mischungen aus den unterschiedlichsten, jenen Potpourris aus Flake-Fetzen, Cavendish, Square Cut und sperrigen Blattstücken und vor dem Stopfen stets auf einem Stückchen Papier von mir durchgewalkten Sorten, (von denen einige fast nach Früchtetee duften und mir durchaus gefallen, wenn sie halt auch nicht jedermanns Sache sind – doch, doch, ich rauche auch „richtigen“ Tabak, mit und ohne Latakia, woll!)
die sich schwer entzünden lassen und einen geradezu zwingen, mit einem Feuerzeug vorzugehen, weil sich sonst die Zündholzschachtel rapide leeren würde, läßt sich diese Ware hier spielend leicht zur gewünschten Festigkeit und Zugfähigkeit stopfen, ja, ist fast zu kneten (obwohl nicht zu feucht) – das gehört zu meinem Eindruck, es sei quasi denaturierter Tabak oder, euphorisch formuliert, zu eigener Perfektion veredelter. Ach ja – irgendwann, vor vielleicht zwei Jahren, gab es den Tabak bei Kärnbachs nicht mehr. Wie jetzt, was nun! Da rückten die beiden Inhaber mit dem Geheimnis heraus, daß es „einen ähnlichen“ gebe, den ich, ohne viel Unterschied zu schmecken, ruhig nehmen könne: „Reiner Professional“.
Aha. Wohl in Lizenz vertrieben zum Jubelfest, bis das Ereignis zu lange her war... Mir war es recht. Ich war erleichtert.
Und tatsächlich, meine Nase hat mich keinen Unterschied erkennen lassen. Und so habe ich „Reiner Professional Wild Cut (A Fine Aroma Of Elegant Sweetness)“ für einige Monate zu meinem Leib-und-Magen-Tabak gemacht. (Mittlerweile sind da noch andere neben ihm von ähnlicher Bevorzugung, und wenn ich wieder zu ihm zurückfinde, bringt es mir jedesmal wieder eine Offenbarung: Warum den bloß so lange nicht mehr geraucht?)
Dieses Erlebnis ist zu haben (gerade wieder teurer geworden) für stolze 17,50. Und man findet ihn selten: nicht am Bahnhof Zoo, nicht beim KaDeWe, nicht… Schließlich habe ich ihn mir wieder bei Kärnbachs besorgt, als ich ohnehin dort in der Nähe war, und gleich wieder genossen, zweimal hintereinander. Meine Nase muß unbedingt repariert werden! Ich wünsche Euch, Ihr möget zumindest halb so viel Vergnügen mit diesem Tabak haben wie ich – selbst mit dieser Einschränkung hallt der Wunsch schon fast nach missionarischer Berufung – „Ich liebe Euch doch alle“! ;-)


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